Die ZEIT: Graf Lambsdorff, was ist ein Kuschelkapitalist? Ludwig Erhard sei keiner gewesen, haben Sie kürzlich behauptet.

Otto Graf Lambsdorff: Kuschelkapitalismus können Sie auch übersetzen mit rheinischem Kapitalismus, von dem Ludwig Erhard ziemlich weit entfernt war. Gemeint ist ein Kapitalismus, in dem aus lauter Kuschelbedürfnis und Warmherzigkeit auf kapitalistische Grundregeln verzichtet wird. Mich stört, dass sich momentan alle Parteien auf Erhard berufen, obwohl der ganz anderes wollte, als in den Wahlprogrammen gefordert wird.

ZEIT: Ist Angela Merkels Programm zu kuschelig?

Lambsdorff: Ich stelle fest, dass Wahlprogramme und Parteitagsbeschlüsse gerade bei der CDU deutlich voneinander abweichen. Der Leipziger CDU-Parteitag hat noch weitreichende Reformbeschlüsse gefasst, aber leider ist zu wenig davon übrig geblieben.

ZEIT: Sie kennen Frau Merkel seit ihren Tagen im Kabinett Kohl. Trauen Sie ihr die nötigen Reformen zu?

Lambsdorff: Ja, ihr persönlich schon. Aber sie braucht dazu die Unterstützung ihrer Partei – und sie hat das Problem, dass sie dort keine Machtbasis hat. Denken Sie mal an die Machtbasis von Helmut Kohl, von Konrad Adenauer ganz zu schweigen. Frau Merkel hat die Insel Rügen, das reicht nicht ganz. Und sie hat Ministerpräsidenten, die sich als derartig widerspenstig erweisen, wie ich das von SPD-Ministerpräsidenten gegenüber einem SPD-Kanzlerkandidaten nie erlebt habe. So ist auch das zaghafte CDU-Wahlprogramm zustande gekommen. Wenn das Regierungsprogramm wird, dann sind wir in vier Jahren nicht viel weiter als heute. Das kann es nicht sein.

ZEIT: Frau Merkel hat vom "Durchregieren" gesprochen, das bei einer Unionsmehrheit im Bundestag und Bundesrat möglich sei. Funktioniert das im deutschen System überhaupt?

Lambsdorff: Den Begriff "Durchregieren" würde ich mir nicht zu Eigen machen, die Verfassungsorgane haben ihr eigenes Recht und ihre eigene Funktion. Gemeint waren wohl vor allem die eigenen Ministerpräsidenten, und die werden das nicht gerne gehört haben – wer möchte schon "durchregiert" werden? Trotzdem müsste eine neue Regierung die ersten zwei Jahre nutzen, sonst sitzt man wieder in einer Blockadesituation.

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