Lambsdorff: Machiavelli hatte Recht: Grausamkeiten begeht man am Anfang. Und die Grausamkeiten müssen benannt werden. Ich bin für einen ehrlichen Wahlkampf. Im Moment verfahren alle nach dem Motto: Alles was du sagst, muss wahr sein, aber du musst nicht alles sagen, was wahr ist.

ZEIT: Was fehlt?

Lambsdorff: Wir brauchen keine neuen Steuern, wir müssen unsere Ausgaben beschränken. Der Staat ist nicht arm, die Kassen sind nicht leer – das ist Unsinn. Wir müssen unsere Haushalte energischer konsolidieren und die Sozialsysteme fundamental ändern. Die Bundesagentur für Arbeit muss aufgelöst werden, weil sie nicht reformierbar ist. Vor allem dürfen wir die Mehrwertsteuer nicht zur Deckung von Sozialkosten erhöhen. Über eine höhere Mehrwertsteuer muss man auch aus liberaler Sicht reden. Aber nur nach dem Motto: Direkte Steuern runter, indirekte Steuern rauf.

ZEIT: Die meisten Ökonomen halten eine Nettosteuersenkung, wie die FDP sie will, für weniger wichtig als die Senkung der Sozialabgaben oder die Haushaltssanierung.

Lambsdorff: Die Haushaltskonsolidierung muss das vorrangige Ziel der nächsten Regierung sein – aber deshalb darf die Mehrwertsteuer doch nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werden! Das nimmt doch bloß wieder den Druck für Einsparungen, und das ist des Teufels. Fast ebenso so schlimm wäre es, das Geld in die Sozialsysteme zu stecken. Nein, am besten ist die Steuersenkung, kombiniert mit einer Vereinfachung des Steuersystems. Es wird ein typisches Thema für Koalitionsverhandlungen sein, in welchem Umfang dann eine Nettoentlastung herauskommt.

ZEIT: Würden Sie, wie die Union, trotz aller Kritik die Ökosteuer vorerst beibehalten?

Lambsdorff: Die Entwicklung der Ökosteuer, die zur Finanzierung der Rente benutzt wird, sollte als Warnung dienen: Macht den gleichen Unfug nicht auch mit der Mehrwertsteuer! In der bestehenden Situation ist richtig, dass die CDU sagt: Wir können die Ökosteuer nicht abschaffen, weil wir dann das Loch in der Rentenkasse nicht stopfen können. Aber so weit hätte es nie kommen dürfen.