ZEIT: Die SPD hat ihrer Wählerschaft viel zugemutet, die FDP tut sich mit klaren Worten zu Kürzungen für Beamte, zu Ärztekartellen oder zum Renteneintrittsalter schwer.

Lambsdorff: Natürlich brauchen wir auf Dauer weniger Beschäftigte im öffentlichen Dienst, wenn wir den schlanken Staat wollen. Das geht allerdings nur, wenn der Staat Bürokratie abbaut. Natürlich ist es unerträglich, dass bei uns das durchschnittliche Renteneintrittsalter bei etwa 59 Jahren liegt. Die amerikanische Volkswirtschaft ist auch deswegen so stark, weil die Leute dort mit 67 Jahren aufhören zu arbeiten. Ich verstehe nicht, dass der Mut fehlt, klar zu sagen: Das Renteneintrittsalter muss auf 67 Jahre erhöht werden. Und die kassenärztlichen Vereinigungen müssen abgeschafft werden. Wettbewerb findet im Gesundheitswesen wie auch sonst im Land zu wenig statt. Sicherheit ist den Deutschen lieber als Freiheit, Gleichheit ist uns lieber als Freiheit. Ich finde das bemerkenswert und bedrückend.

ZEIT: Warum dringt die FDP mit ihren Ideen von Freiheit und Wettbewerb so wenig durch?

Lambsdorff: Ich stelle mir dieselbe Frage auch immer wieder: Warum sind die Liberalen in vielen Nachbarländern erfolgreicher? Warum hat die Mehrheit der Bevölkerung Angst vor unseren Vorschlägen? Man kann immer behaupten, dass Liberale das alles besser vermitteln müssen. Sicher richtig, aber das allein reicht als Erklärung nicht.

ZEIT: Vielleicht erinnern sich die Wähler auch an die Kohl-Jahre, in denen die FDP am Ausbau des Sozialstaats beteiligt war. Ihr Wende-Papier, geschrieben 1982, beschreibt den ökonomischen Niedergang und liest sich sehr aktuell.

Lambsdorff: Vieles aus dem Papier wurde in den Jahren 1983 bis 1989 umgesetzt. Erst danach fehlte die Kraft für weitere Schritte. Helmut Kohl hat immer dafür gesorgt, dass wir anders als 1982 keine andere strategische Option hatten. Das hat die Position der FDP nicht gerade stärker gemacht.

ZEIT: Wäre das nicht wieder so, falls Schwarz-Gelb demnächst regieren sollte?