Es gibt mehrere Erklärungen dafür, warum London gestern mit dem Schrecken davon gekommen ist. Die eine ist sozusagen die universelle und lautet: Versagen der Attentäter. Nicht auszuschließen ist, dass es sich bei den vier Bombenlegern um unbegabte Nachahmungstäter der mutmaßlichen Selbstmordattentäter vom 7. Juli handelte. Um eine Gruppe von Dschihad-Spontis also, die sich dachte, "das können wir auch". Aber die es eben nicht konnte. Für diese These spricht die recht phantasielose Kopie des Anschlagsmusters, drei U-Bahnen und einen Bus zu attackieren, deren Standorte auf dem Londoner Stadtplan ungefähr ein Kreuz abbildeten.Gegen diese Erklärung jedoch spricht die Tatsache, dass die gestrigen Attentäter den gleichen Sprengstoff verwendeten wie derjenige, dessen Zündung vor zwei Wochen 56 Menschen das Leben kostete. Dann würde es sich also um Acetonperoxyd handeln, ein äußerst wirkungsvolles und leicht zu handhabendes Teufelszeug. Der kristalline Stoff lässt sich aus handelsüblichen Reinigungsmitteln herstellen. Doch dazu braucht es eine Bombenwerkstatt und gehöriges chemisches Know-how.Plausibel ist deswegen eine zweite, spezielle Erklärung dafür, warum gestern außer den Zündern nichts explodierte: Sabotage. Ein professioneller Erfolg der Geheimdienste also. Im Nordirlandkonflikt ist es dem MI-5 mehrfach gelungen, Bombenbauer der IRA anzuwerben oder entsprechende Agenten in die Organisation einzuschleusen. In den 30 Jahren des Bürgerkrieges gab es mehrere Fälle, in denen die Überläufer Sprengstoff absichtlich falsch mischten, um ihn unschädlich zu machen. Auch gelang es, IRA-Bombenbauern ungefährliches Ausgangsmaterial unterzuschieben, das zu keiner Explosion taugte. Martin McGartland aus Belfast war ein solcher Undercoveragent. Als "Agent Carol" des britischen Special Branch verhinderte er Ende der 80er Jahre mehrere Bombenattentate der IRA, bis seine Mittäter schließlich Verdacht wittern und er aufflog. McGartland lebt bis heute unter falscher Identität in England.Sollte es dem MI-5 also gelungen sein, Individuen in der islamistischen Szene anzuwerben, könnte dies die Terrorbewegung nachhaltig erschüttern. Aber falls es so sein sollte, wird es die Öffentlichkeit vorerst mit Sicherheit nicht erfahren.Was könnte die Verräter anlocken? Sehr einfach: Geld. Und das Gefühl, wichtig zu sein. Irgendwann dann, wenn der Informant sich erst tief genug mit dem Geheimdienst eingelassen hat, könnte dieser ihn auch erpressen: "Du musst nicht mehr mit zusammenzuarbeiten, aber dann können wir dich natürlich auch nicht mehr schützen..."So, wie gesagt, könnte es gewesen sein.Aber möglicherweise, und das wäre dann die dritte Möglichkeit, war alles auch ganz anders.