Auf dem Sommerfest des sozialdemokratischen Vorwärts konnte man kürzlich etwas sehr Merkwürdiges beo-bachten. Der SPD-Vorsitzende stand auf der Bühne, wachsweiß das Gesicht, gnadenlos ausgeleuchtet bis in die letzte Furche, die Regie meinte es nicht gut mit ihm. Franz Müntefering sprach über die Besserverdiener, die "viel bekommen, aber nicht verdienen", er sprach lustlos, die Betonung seiner Sätze endete im Irgendwo, man hatte dasGefühl, dass er die alte Platte selbst nicht mehr hören konnte. In der ersten Reihe saßen Ex-Minister Reinhard Klimmt und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und starrten in die Ferne. Der ehemalige Berliner Senator Peter Strieder erklärte fröhlich, dass die Neuwahlen für ihn kein großes Unglück seien und die Regierung doch, ehrlich gesagt, eh nichts mehr auf der Pfanne gehabt habe, worauf ein Bundestagsabgeordneter erklärte "Ich brauch jetzt Alkohol" und einfach wegging. Es waren Münteferings eigene Leute. Am Ende klatschten sie, wie immer. Aber sie hatten Franz Müntefering nicht mehr zugehört. Das war neu.

Angeschlagen war die Autorität des SPD-Vorsitzenden schon zuvor, ihm waren einige Fehler unterlaufen. So hatte er das Angebot der Unionsvorsitzenden Merkel und Stoiber zu einem "Pakt für Deutschland" brüsk zurückgewiesen und musste sich vom Kanzler korrigieren lassen. Er musste die Wahl des Wehrbeauftragten verschieben, weil er sich der Mehrheit seiner Fraktion nicht sicher sein konnte. Ausgerechnet ihm, der als Verkörperung der eigenen Partei galt, war das Gespür für die Stimmung verloren gegangen. Niemanden irritierte das mehr als ihn selbst.

Müntefering war aus Sicht der SPD eine Versicherung gegen Schröder

Den größten Fehler aber hat er aus Sicht seiner Partei am 22. Mai gemacht, als er sich zusammen mit Gerhard Schröder zu Neuwahlen entschied. Als er nicht sagte: Dann geht es mit dir nicht weiter. Dann muss ich Kanzler werden. Als er nicht gegen Schröder putschte, nicht zuerst für die Interessen der Partei entschied, sondern für die des Landes. Rebellion statt Opposition? Müntefering als Kanzler? Es gibt nicht wenige in der SPD, die behaupten, sie hätten genau das erwartet von ihrem Vorsitzenden.

Bis zum 22. Mai war Franz Müntefering aus Sicht seiner Partei eine Art sozialdemokratische Versicherung gegen Gerhard Schröder. Dem Kanzler sei nicht zu trauen, fanden viele, wenn nicht die meisten, aber "der Franz", da waren sie sich sicher, der werde schon auf die SPD aufpassen. Dann kam die Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen. Und Müntefering hat nicht nur nicht aufgepasst, so empfinden es viele Genossen, er hat sogar für Schröder Schmiere gestanden. Am 22. Mai hat der oberste Parteifunktionär Franz Müntefering für seine Partei seine Funktion verloren. "Das Grundvertrauen hat einen Knacks bekommen", sagt ein Präside.

Der SPD-Vorsitzende behauptet tapfer, es gehe ihm gut seit dem 22. Mai, viel besser als vorher. Weil eine Entscheidung getroffen sei, weil die depressive Routine durchbrochen und die verdammte Lähmung zu Ende sei. Alle anderen hatten in den vergangenen Wochen eher das Gefühl, dass der SPD-Chef von der Rolle war, im wahrsten Sinne des Wortes. Müntefering als der Gegenpart zu Schröder – war das vielleicht ein großes Missverständnis zwischen dem SPD-Vorsitzenden und seiner Partei? Eigentum verpflichtet, findet Müntefering – das gelte aber auch für Arbeitnehmer. Nicht jeder kann dasselbe leisten, aber jeder muss das leisten, was er kann. Für einen großen Teil der SPD steht Hartz IV für den Verrat sozialdemokratischer Werte. Für Müntefering bedeutet der Kerngedanke – wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen – eher eine Rückkehr zu sozialdemokratischen Werten. So denkt er, so lebt er. Er ist ein Traditionalist im ganz alten Sinne, kein Verteilungs-Toskana-Nostalgiker.

Müntefering legt Wert darauf, dass ihm die Entscheidung für Neuwahlen nicht aufgezwungen worden sei, dass er sie zusammen mit dem Kanzler getroffen habe, dass sie nicht gefallen wäre, wenn einer von ihnen nein gesagt hätte. Die "gleiche Augenhöhe" mit dem Kanzler war Müntefering immer wichtig. Als er Generalsekretär wurde, hat er sie öffentlich reklamiert. "Keiner Herr und keiner Knecht", sagt Müntefering oft in seinen Reden, er trägt das als Prinzip der Gesellschaft vor sich her und als trotzigen Selbstanspruch. "Ich hätte ihn gerne zum Freund", hat Schröder mal gesagt. "Ich bin kein Kumpel", entgegnete Müntefering im selben Interview. Das klang souverän. Mehr als das, es klang, als ob sich Schröder eher bei Müntefering bewähren müsste als umgekehrt. Aber hat Müntefering als Parteivorsitzender wirklich gleiche Augenhöhe mit dem Kanzler gefordert? Hat er ihm etwas abverlangt, wenn Schröder mal wieder eine seine Durchhängephasen hatte? Hat er geführt?

Müntefering gehört nicht zu den "Enkeln" in der SPD wie Schröder, Scharping oder Lafontaine. Aus deren Machtkämpfen hat er sich herausgehalten, er ist langsam aufgestiegen, Stufe für Stufe, in der zweiten Reihe. Den größten Teil seines Lebens hat er Macht für andere organisiert. Müntefering ist oft mit Herbert Wehner verglichen worden, dem knorrigen Fraktionschef, dem "Zuchtmeister". Aber Müntefering ist kein Wehner. "Das Aggressive ist nicht meine größte Stärke", sagt er, "ich mag lieber das Appellative, Erklärende." Das Aggressive ist eher seine Schwäche. Aggressiv wird Müntefering, wenn er sich in die Enge getrieben fühlt. Dann bekommt der Ton des SPD-Vorsitzenden etwas Kaderautoritäres. Dann teilt er, darin Helmut Kohl nicht unähnlich, die Welt in "die" und "wir" auf, dann schottet er sich ab, dann darf geholzt werden.