Der Mann, der nicht Jörg Kachelmann ist

Herr Kreibohm, Sie sind ja ein Held! Vor ein paar Wochen haben sie einen Tornado auf Hiddensee gefilmt, und der war dann glatt im Wetterbericht der "Tagesthemen".

Ja, das war ein Ding, ein absoluter Traum. Es war Sonntagabend nach dem Tatort, ich war in der Wetterstation, wollte noch schnell dieses sensationelle Abendrot fotografieren, das auf unserer Leuchtturmkamera zu sehen war, und entdeckte beim ersten Anschauen vor Ort den Trichter der Windhose, der da aus den Wolken hing. Vertikale Ausdehnung vielleicht 1,5 Kilometer. Die drei Urlauber, die auch noch auf der Aussichtsplattform standen, dachten bestimmt: Was ist denn das für ein Irrer? Rennt hier wie angestochen durch die Gegend und faselt immer: Das muss in die Tagesthemen!

Sie sind Angestellter der Meteomedia AG, Jörg Kachelmann ist Ihr Chef und die Wetterstation auf Hiddensee der nördlichste Vorposten der Firma. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Einsam auf keinen Fall. Man kennt mich ja dort als Wetterfrosch. Die Station ist winzig, ein Arbeits- und ein Schlafzimmer in einem ehemaligen Ferienbungalow. Da habe ich meine Messgeräte und Wetterkarten und eine Pritsche. Es gibt Tage, da stehen die Leute mit platt gedrückten Nasen an meinem Bürofenster, das ist dann schon grenzwertig. Und obwohl mir mein Job sehr viel Spaß macht, bin ich am Saisonende doch froh, dass ich dann nicht mehr fünfmal am Tag sagen muss, dass ich nicht Herr Kachelmann bin.

Werden Sie fürs Wetter oft verantwortlich gemacht?

Natürlich heißt es immer wieder über den Zaun: "Ah, da haben wir ja den Schuldigen!" Das ist zwar Spaß, aber Sprüche gibt es jeden Tag.

Wie sind Sie Wetterfrosch geworden?

Der Mann, der nicht Jörg Kachelmann ist

Ich habe zu DDR-Zeiten eine Lehre beim Meteorologischen Dienst in Potsdam gemacht. Nach der Wende und über verschiedene Stationen kam ich dann mit Jörg Kachelmann zusammen, und der fragte mich Ende der neunziger Jahre: Willst du nicht in die Heimat zurück? Und da ich aus Parchim in Mecklenburg-Vorpommern stamme, dachte ich: Feine Sache, das. Als ich hier oben ankam, sagte er dann allerdings auch zu mir: So, und in drei Tagen machst du Fernsehen!

Seitdem sagen Sie im "Nordmagazin" des NDR jeden Tag das Wetter an, sind für viele der Mann mit dem Puschel.

Ach ja, der Puschel! Das ist ein Windschutz fürs Mikro – sonst würde man auf der Küste beim Leuchtturm nicht mich, sondern nur Meeresrauschen und Sturm hören. Die Steilküste ist schließlich mehr als 70 Meter hoch. Da pfeift’s ganz schön.

Den unkonventionellen Stil von Kachelmann wollten schon viele TV-Meteorologen kopieren. Sie auch?

Nein, ich sage das Wetter so an, wie ich es auch meiner Tante erzählen würde. Mich werden Sie nicht auf einem Kamel sitzen und Hitze ansagen sehen.

Apropos Hitze, wo scheint denn die Sonne an der deutschen Ostseeküste am meisten?

Eindeutig auf Hiddensee. Nicht weil wir da sind und wo wir sind, die Sonne ist. Es ist vielmehr so: Quellwolken brauchen es untenrum warm, das kriegen sie nur über Land, nicht über der See. Deswegen ist hier meist blauer Himmel, und über dem Binnenland hängen die Wolken.

Der Mann, der nicht Jörg Kachelmann ist

Was ist nach fast 20 Jahren noch spannend an Ihrem Job?

Das Wetter natürlich. Und das ist immer gut. Vor allem, wenn es genau so ist, wie ich es vorausgesagt habe. Obwohl mir manche Leute bestimmt am liebsten einen Vogel zeigen würden, wenn sie mich bei Sturm und Regen fröhlich lachend über die Insel ziehen sehen.

Bei wie viel Grad fühlen Sie sich wohl?

Bei 22 bis 23 Grad. Ich bin kein Sonnenanbeter. Ist ja alles toll, Capri und Mallorca. Aber meine Familie und ich, wir bevorzugen die Nordländer. Die sind von hier aus auch nicht so weit entfernt.

Interview: Judka Strittmatter