Gesunde Bräune, Blue Jeans, weißes Hemd. Sein Gesicht erinnert an den jungen Hans Albers. Wie die Augen immer in die Ferne schweifen. Allerdings strahlen sie nicht nur blau, auch sind sie nicht richtig grau; eher wie das Elbwasser bei Brunsbüttel bei leichter Bewölkung. Herr Augspach, machen Sie mal eine typische Handbewegung! Er scheint eine Schachfigur zu verschieben. Die heiteren Beruferater von Robert Lembke wären nicht draufgekommen: Hartmut Augspach bewegt einen Joystick. Er ist Kanalsteurer.

Kanalsteurer braucht man, wenn eine künstliche Wasserstraße besonders eng oder kurvenreich ist. Der 1895 von Kaiser Wilhelm II. eingeweihte Nord-Ostsee-Kanal zwischen Kiel und Brunsbüttel ist beides. Im ersten Jahr war beinahe jedes zwanzigste Schiff in eine Kollision verwickelt oder fuhr in die Böschung. Seit 1899 gibt es die "Kanalsteurer-Annahmepflicht" für Großschiffe. Sie gilt ab 100 Meter Schiffslänge.

Der Laie denkt, der Kanal sei ein stilles Wasser. Tatsächlich aber führen besonders dicke Pötte zu unkalkulierbaren Druckverhältnissen im Kanal, und höllisch kann der Wind zulangen. "Ungeübte wissen dann gar nicht, wie ihnen geschieht", sagt Augspach. Bei Seitenwind muss der Steuermann mit der Schiffsnase immerfort in Richtung Ufer steuern, was bei Gegenverkehr zum Problem wird. "Kurz abfallen, vorbeifahren und gleich wieder an den Wind ran", erklärt Augspach das Manöver. Den Kahn an einen Dalben lehnen, einen Pfahl zum Festmachen, ohne diesen platt zu fahren (15000 Euro), ein driftendes Schiff abzufangen und schließlich gegen Seitenwind abzulegen – auch das ist hohe Kanalsteuerschule.

Augspach ist ein gestrandeter Seemann. Früher war der Wismarer für eine DDR-Reederei auf den Weltmeeren unterwegs. Mittleres Kapitänspatent. Nach der Wende kam er zum Kanal. Das Fernglas braucht er nur noch, "um schöne Frauen anzusehen". Ein Bankjob ist das aber noch lange nicht. "Man weiß nie, wann es losgeht." Der Anruf kann vier Stunden nach der letzten Fahrt kommen oder 24. Je nach Betrieb. Betrieb herrscht, wenn Sturm ist oder Nebel in Kattegat und Skagerak. Dann verdrückt sich so mancher Seebär in den Kanal und lässt die Steurer machen. Oder wenn, wie jetzt, der Spritpreis hoch ist und sich die Kanalabkürzung rechnet. "Vier Nächte im Kanal, dann sehe ich anders aus!", sagt Augspach.

Die Kanalsteurer sind ein komischer Verein. Ein e. V. seit 1908. Allesamt Arbeitnehmer ohne Chef. Die einzige Autorität ist die Satzung. So konnten sie sich üppige Freizeitregelungen spendieren (sechs Tage im Monat am Stück frei) und wählen neue Kollegen demokratisch. Der Nachteil: "Wir können niemand rausschmeißen." Nicht mal mit gerichtlicher Hilfe. Und weil in der Satzung keine Altersgrenze vorkommt, können auch noch 72-jährige Zausel im Dienst sein. Sympathisch: Die Vereinseinnahmen werden brüderlich geteilt.