Sie sind immer zu zweit auf dem Bock. Links Weihrauch, dem bei diesem Namen nur zwei Möglichkeiten der Berufswahl blieben: Priester oder Heizer einer Dampflok. Rechts Schultz, dessen Weg auch vorgezeichnet war. Schließlich arbeitete schon sein Großvater als Lokführer beim Molli, und die Mutter hat im Bahnhof Kühlungsborn-West die Fahrkarten verkauft, während Karsten zu Hause mit der Modelleisenbahn spielte und sein Schaffner-Täschchen mit der grün-roten Kelle schnappte, wenn er die Mutter abholte. Also ging auch Karsten Schultz später zur Mecklenburgischen Bäderbahn, im Volksmund Molli, die auf immerhin 15,4 Kilometer Strecke zwischen Bad Doberan und Kühlungsborn fährt, und wurde Lokführer.

Schultz gibt Dampf auf den Kolben, derweil Aribert Weihrauch oberschlesische Steinkohle ins rot glühende Feuerloch schippt. Die mehr als 70 Jahre alte Lok seufzt, schnauft und stöhnt. Weiße Schwaden wabern übers Bahnhofsgelände von Kühlungsborn, als würde eine Bühne für den Auftritt der Stars vernebelt. Man sieht, riecht und hört, wie 460 Pferdestärken ihre Kräfte sammeln. Ein gellender Pfiff, schon setzt sich die Maschine fauchend in Bewegung. Vorbei an steingewordenen Häuslebauerträumen mit Satellitenschüsseln und Gartenzwergkolonien, vorbei an Feldern von Kornblumen, wildem Mohn und Kamille, die ihre kleinen Häupter wiegen.

Früher haben sie von hier oben immer das Meer gesehen, erzählt Schultz. Nun ist das Küstenwäldchen hoch gewachsen, nur ab und an gibt es den Blick auf die Ostsee frei. "Steilküste" heißt die erste Station auf freiem Feld: Mit Handtüchern und Badeenten im Gepäck, steigen dort viele aus. 50° C und mehr herrschen dann im Führerstand von Schultz und Weihrauch, sieben Zentner Kohle verschlingt die Lokomotive je Fahrt, 1,5 Kubikmeter Wasser atmet sie weg. Einfach so, einmal tief durch.

Am Bahnhof Heiligendamm, der Kempinski-gewordenen weißen Stadt am Meer, sind Touristenkameras in Stellung gebracht, sollen sich Lokführer und Heizer fürs Foto aus dem Fenster lehnen. "Hätten wir für jedes Bild 10 Cent bekommen, wären wir längst Millionäre und könnten uns zur Ruhe setzen", sagt der 52-jährige Weihrauch. Seit 1973 ist er beim Molli, die ersten drei Jahre beim Gepäck und an der Schranke, seither am 1500 Grad heißen Feuerloch. Ein Traumberuf? "Auch als Millionär würde ich weitermachen, aber etwas kürzer treten!"

Signal hoch, drei Schippen Kohle, und Lok 992322-8 nimmt wieder Fahrt auf, zieht zehn Waggons hinter sich her, auf deren offenen Plattformen Fahrgäste stehen. Ununterbrochenes Bimmeln, weil in Heiligendamm eine Villa auf die andere folgt, damit ein Bahnübergang auf den nächsten. 2007 soll in Deutschlands ältestem Seebad der G8-Gipfel stattfinden und der Molli die Staatschefs kutschieren.

Als Peter Struck einmal im Salonwagen mitfuhr und zur Begrüßung zu Schultz sagte, "Nun machen Sie mal schön vorsichtig, Sie fahren jetzt den Verteidigungsminister", antwortete der knapp, "Ich fahre immer vorsichtig, und zwar für alle Fahrgäste!" Mehr als 500000 sind es im Jahr, darunter im Sommer viele Kreuzfahrer aus Warnemünde, meist Amerikaner. Der Molli ist eine feste Größe im Sightseeing-Programm: Deutschland, das sind aus nördlicher Perspektive Berlin, Rostock und der Molli. Seit der Badesaison 1886 entfaltet er seine ganze touristische Zugkraft.

In den Instrumenten für Druck und Temperatur tanzen die Zeiger und in den Wasserstandsgläsern die Flüssigkeitssäulen. Sobald der 44-Jährige die Spitze vom Doberaner Münster sieht, lässt er den Zug rollen. Seine "persönliche Rennstrecke", und auch Weihrauch legt nach – für stramme 40 Stundenkilometer. Vorbei an der ältesten Pferderennbahn Europas, der längsten Lindenallee im Land. Autos überholen, Kinder winken, Weihrauch winkt zurück, per Hand und überhaupt.