Ein gutes Kinderbuch schauen sich Erwachsene auch gern an. Beim Puppentheater ist es nicht anders. Und so begrüßt Karl Huck zu Beginn seiner Vorstellungen beide, die Großen und die Kleinen, öffnet den Vorhang nicht nur nachmittags, sondern vor allem abends. "Hoch verehrtes Publikum, liebe Kinder! Die Seebühne Hiddensee gibt sich die Ehre!" Pssst! Dann lässt er die Puppen leben.

Pinocchio steht auf dem Programm. Nicht nur weil das Stück ein Klassiker des Figurentheaters ist, sondern auch weil alle Inszenierungen der Seebühne einen Bezug zum Meer haben und der neugierige Holzjunge irgendwann im Magen eines Walfischs landet, um dort Vater Gepetto wiederzufinden. Bis es aber so weit ist, offenbart sich: Puppenspiel und Puppenspiel können zweierlei sein. "Isch des a Kaschperle-Theater?", hatte einer am Eingang gefragt. "Nein, ist es nicht", antwortete Huck mit einer Stimme, die klang, als hätte man ihn das schon allzu oft gefragt, "aber kommen Sie doch einfach rein!"

Die Seebühne, das ist ein zum Theater verwandelter Bootsschuppen: groß genug, um Platz für 80 Zuschauer zu bieten. Dünnhäutig genug, dass man während der Vorstellungen Meeresrauschen und Möwen hören kann. Und so nah am Strand, dass die Besucher mit ihren Flipflops weißen Sand hereintragen. "Theater ist eine permanente Übersetzungsarbeit", sagt Huck, "zu deren Gelingen vieles beiträgt, nicht zuletzt der Ort, und dieser hat eine ganz eigene Magie. Hiddensee ist eine Insel ohne Autos und Unterhaltungskommerz. Die Besucher gehen vor der Vorstellung baden – und ich auch. Dann treffen wir uns zu Sindbad, Schatzinsel oder Moby Dick."

44 ist er, der Karl Huck. Mit 17 war er zum ersten Mal an der Ostsee und weiß seither, "jeder trägt eine Seelenlandschaft in sich". Später hat er in Berlin Schauspiel studiert und mit einem Diplom als Puppenspieler abgeschlossen. In der DDR lief das nicht unter Kleinkunst, sondern auf großer Bühne, erzählt er so tastend, als fürchtete er, man könnte ihm nicht glauben. Vor acht Jahren hat Huck die Seebühne gegründet. Seitdem kam er immer für die Saison aus Berlin, obwohl die Insulaner anfangs skeptisch waren: "Theater? Watt soll dün datt, do fallen einem doch nur de Scheinwerfer uff’n Kopp!" Nun lebt er mit seiner Freundin, die Licht und Ton macht, ganz auf der Insel. Als Prinzipal, Regisseur und Puppenspieler – und die Hiddenseer schicken ihre Feriengäste zu ihm.

"Komm, wir spielen etwas anderes!", ruft eine der Marionetten mitten im Stück von der Bühne. Kinder schlackern vor Aufregung mit den Beinen, Erwachsene schauen sich fragend an. "Nein, das geht nicht, jeder hat seine Rolle!", antwortet Huck alias Gepetto. Huck agiert auf offener Bühne, zwischen, hinter und neben seinen Figuren, die er so präzise und zärtlich führt, als hielte er wirklich die Welt an einem Faden. "Pyrotechnik!", bellt er und zündet, wie auch immer, ein Feuerwerk. "Gewitter!", ruft er, und lässt eine Blechplatte erzittern, dass sich Zuschauer vor dem Donner ducken. Da fallen Sätze, die – so scheint’s – nicht hierher gehören, die nicht nur Lacher, sondern auch Irritation auslösen und damit Besinnung zulassen. "Jeder möchte gern Marionette sein – nie mehr denken!"

Wie der Künstler sitzt plötzlich auch das Publikum zwischen den Stühlen. Und muss es aushalten können. Brecht spricht von der Schauspiel- und der Zuschaukunst. Hier kommen sie zusammen.

Seebühne Hiddensee, Wallweg 2, 18565 Vitte, Tel. 038300-60593, Programm unter www.hiddenseebuehne.de