Mit fünf Strandkörben haben wir angefangen, mein Mann und ich, jetzt haben wir 35 und sind im zehnten Sommer mit unserem Verleih. Den Umgang mit Gästen sind wir gewohnt, zu DDR-Zeiten haben wir hier in Prerow das FDGB-Ferienheim der Berlin-Chemie geleitet. Dann kam die Wende, ich war am Infostand der Kurverwaltung, und ja, irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass es an diesem Strandabschnitt hier immer zu wenige Körbe gab. Das ließ unseren Geschäftssinn erwachen, und wir haben unseren eigenen Verleih aufgemacht. Natürlich haben wir uns erkundigt über die Geschichte des Korbs, man will ja schließlich antworten können, falls mal einer fragt. Also, der Korb ist für eine Dame erfunden worden, die war wohl rheumakrank und wollte trotzdem gern am Meer sitzen. Im Schatten und windgeschützt. Ein gewisser Wilhelm Bartelmann, der war Korbmacher, hat ihr dann den ersten Strandkorb geflochten. Das war um 1880 herum.

Wir selbst haben hier das Modell Prince stehen. Sehen doch hübsch aus, unsere Körbe, so rot-weiß-gestreift, nicht wahr? Kinder mögen das besonders. 700 Mark hat seinerzeit ein Stück gekostet. Ich habe den Prospekt der Firma mitgebracht, mal schauen, was da steht: rotes Kunststoffgeflecht, herausklappbare Markise, Sitz und Rückenfläche in schwerer Dralonqualität oder in plastifiziertem Material. Dazu zwei Seitentische inklusive Ascher. Stimmt. Sehen Sie die blauen Flecke an meinen Armen? Das kommt vom Hin- und Herwuchten. Mein Mann ist leider krank im Moment, manchmal helfen die Gäste, die meisten sind sehr nett, wirklich. Manche kommen jedes Jahr und einige immer mit dem gleichen Wunsch: "Wir wollen wieder in die Nummer neun!" Unsere Körbe sind nummeriert, das machen wir dann natürlich möglich. Die mit Kindern wollen meistens Wasserblick, da können die Kleinen spielen, und man hat sie im Auge. Dann gibt es da noch die Dünengucker, denen ist nach Ruhe. Und mal ehrlich, es gibt nichts Schöneres, als hier so zu sitzen, ein Kreuzworträtsel zu lösen und Wolken und Vögel anzuschauen. Mache ich oft selbst, mein Büro ist ja quasi die Nummer drei. Thermoskanne nehme ich mit an den Strand, Proviant auch.

Es gibt natürlich auch Leute, die wollen keine 5,50 Euro für einen Korb ausgeben, suchen aber einen Windschutz und hocken sich so dicht an den Korb, dass da keiner mehr rein will. Da gibt’s schon manchmal Diskussionen, manche werden richtig boshaft. Aber ich sage mir dann immer: Waltraud, dreh dich um, zähl bis zehn und schluck den Ärger runter. Zur Hochsaison kommen dann die Ferienfamilien, und ich kann schon daran erkennen, wie die den Strand herunterkommen, ob sie nach einem Korb fragen oder nicht. Die mit Decke oder Windschutz unterm Arm nicht, aber manchmal hopsen die Kinder vorneweg und rufen: "Strandkorb, Strandkorb!" Das klappt dann meistens. Andere wollen auch animiert werden von mir. "Einen Korb – warum eigentlich nicht?", heißt es dann. Mit dem einen oder anderen ergibt sich auch oft ein kleiner Schnack. Nur bei Liebespaaren bin ich vorsichtig: Wenn ich mich denen nähere, rufe ich schon von weitem ganz laut: "Klopf, klopf."

Aufgezeichnet von Judka Strittmatter