Blickt Kristina Reck auf eine Landkarte Schleswig-Holsteins, sieht sie ein Gesicht, das sich den Wind um die Nase wehen lässt, und diese Nase ist eben St. Peter-Ording, wo sie täglich aufs Wasser geht.

Aus der Nähe betrachtet, ist die Nase ein endloser Sandstrand, der einzige tidenunabhängige an der Westküste, und – wie praktisch – man kann ihn mit dem Wohnmobil befahren. Vollgestopft und bepackt ist ihre alte Karre; Bretter, Masten, Segel, was sie so braucht, um vom Lüftchen bis zur Brise alles mitzunehmen.

Sie ist Lehrerin von Beruf, aber ihre Berufung wäre das Surfen. Jeden Mittag, an dem sie die Bäume vor dem Fenster ihres Schulgebäudes wackeln sieht, spürt sie dieses Jucken. Sie fährt nach Hause an den Deich, sieht nach dem Hund und den Pferden, und wenn ihr Mann, der Krankengymnast, von der Arbeit kommt, dann geht’s raus.

Manchmal erscheint ihr diese Leidenschaft absurd, wie eine Sucht, dann denkt sie, eigentlich blöd, dass sie diesen Sport mal angefangen hat. Aber ihr Mann ist ja noch viel schlimmer. Der zieht oft schon morgens um vier, fünf los, um im Sonnenaufgang vor Dienstbeginn die Wellen zu pflügen.

Bei Windstärke 3 – wenn ältere Spaziergängerinnen am Strand sich bei ihr sorgenvoll erkundigen, ob’s nicht zu stürmisch wäre – macht’s noch keinen richtigen Spaß. Erst Windstärke 5 verhilft ihr zu diesem schwerelosen Gleiten, das sie so liebt. Kurz vor Windstärke 8 beginnt der Kampf mit der stampfenden Gischt.

Wunderbar, wenn’s warm ist, wenn das sommerliche Licht alles glitzern lässt, aber wer surfen muss, kann sich das Wetter nicht aussuchen, nicht einmal die Jahreszeit. Bis vier Grad Celsius ist Kristina Reck unterwegs, das Neopren hält den Winter fern, nur die Hände schreien für ein paar Minuten, bis sie feuerrot und gefühllos werden. Einmal ist sie im Watt vor Eiderstedt über eine Eisscholle gestürzt.

Eine wilde Nixe ist sie, braungebrannt, muskulös, entschieden bis auf die Knochen. Sollte sie je ihren Job verlieren – eher ginge sie als Kassiererin zu einem nordfriesischen Lidl als ins Allgäu unterrichten. Denn hier oben, unter diesem Himmel, da vergisst sie alles, allen Ärger, allen Stress, da kann sie richtig abheben, da dreht sich die Welt, wenn sie in vier Meter Höhe ihre Luftrollen fliegt.

Den Sonnenuntergang genießt sie im Kreis der anderen Windirren am Grill, es gibt Rotwein und das Erzählen davon, wie schön es heute wieder war.

Klingt das nicht wie ein Traum? Aber demnächst hat Kristina Reck ein Sabbatical, da packt sie ihren Mann und die Bretter in den Bus und fährt für ein Jahr nach Irland, Schottland und in den Süden. Sie muss ja auch mal Urlaub machen.