Ringelgänse sind ihre Lieblingstiere. Darum hat Angelika Kühn deren Geschnatter auch als Klingelton auf ihrem Handy. Ein beruhigendes, zufriedenes "Oak, oak, oak" – und wenn es sich draußen meldet, dann klingt es eher nach Begleitmusik als einem Anruf.

"Draußen", das bedeutet hier viel: die Hallig Oland, diese wenigen Hektar Torf, Schlick und Sand vor der nordfriesischen Küste, der endlose Himmel natürlich, vor allem aber das Wattenmeer, durch das Kühn die Besucher führt. Häufig sind es die Kinder der Oländer Sommerferiengäste, mit denen die 37-Jährige das Watt erkundet. "Ich zeige euch meine Wundertiere!", heißt dann das Motto. Denn Angelika Kühns Welt ist von unzähligen Vogelarten bevölkert; außerdem von 100000 Schlickkrebsen, 20000 Schnecken und Muscheln, zudem von 50 Wattwürmern pro Quadratmeter Watt. Und deshalb ist das mit den Lieblingstieren dann doch so eine Sache: "Sobald ich einen Löffler im Arm habe, sind’s die Löffler. Und wenn ich eine Krabbe oder eine Muschel in der Hand halte, dann sind es eben die."

Dabei war ihr das Wattenmeer, dieses Sechs-stundenland, das mit Ebbe und Flut nach dem Mond geht, anfangs auch fremd und etwas unheimlich. Vor elf Jahren ist sie als Urlauberin hier angekommen und, statt nach Hessen zurückzufahren, gleich auf Oland geblieben. Beim Mann ihrer Träume. Als sie schwanger wurde und nicht mehr mit der rumpelnden Lorenbahn aufs Festland fahren konnte, die Oland mit Dagebüll verbindet, ist die zierliche Frau allein durchs Watt gelaufen. Zu den Vorsorgeuntersuchungen – immer fünf Kilometer hin und fünf zurück. "Das Watt hat mich entstresst", sagt sie heute, "und gut durchblutet." Mittlerweile sind so schon drei Töchter mit ihrer Lebenswelt vertraut gemacht worden. Und Angelika Kühn lernte das Watt lieben – eine Begeisterung, die bis heute fortdauert und ansteckt. "Da drüben ist es laut und schnell", sagt sie und zeigt Richtung Festland, "hier ist es leise und langsam und dennoch voller Leben."

Leise schmatzt der Schlick zwischen den Zehen. Das Watt ist von der letzten Flut geriffelt, Wattwürmer haben es in eine Landschaft aus Miniaturkratern und -hügeln verwandelt, am Grund eines Priels liegen Muscheln wie eine Schotterschicht, darüber kriechen Krebse. Kiebitzregenpfeifer, Alpenstrandläufer und Knutts bilden am Horizont silbrige Wolken. Wundertiere über Wundertiere.

"Pitschern gehen" nennt die Halligbewohnerin und Nationalparkwartin Angelika Kühn es, wenn sie mit einer Kinderschar ins Watt zieht. Neben Fernglas, Kompass und Signalmitteln für den Notfall hat sie "Hörkarten" und viele leere Toilettenpapierrollen im Rucksack. Auf den Karten zeichnen sich die Kinder in die Blattmitte, "als Nabel der Welt", wie Kühn sagt, und malen oder schreiben, welche Geräusche aus welcher Richtung kommen. Die leeren Rollen dienen als Wunderferngläser – was sonst. Und irgendwann stehen alle im Kreis und blicken nach außen, "damit jedes Kind sein persönliches Urlaubsbild machen kann". Den Horizont zwischen Daumen und Zeigefinger, ein Auge geschlossen. Klick!

Mit dem Fuß gräbt Kühn ein paar Muscheln aus dem Watt, deren Form an ein Herz erinnert. Den Kindern erzählt sie dann Geschichten, zum Beispiel jene, dass sie gestern die Muscheln gebeten hat, heute für die kleinen Wattbesucher zu tanzen. Dann setzt sie die Herzmuscheln in eine Pfütze und sagt: "An dem Tag, an dem es einem egal ist, wie schön es hier ist, sollte man wegziehen." Sie sagt es mehr zu sich selbst. Und siehe da, die Muscheln öffnen ihre Schale einen Spalt weit, fahren einen unscheinbaren Fuß aus und graben sich mit schnellen, pendelnden Bewegungen wieder ein. Ohne Zweifel, sie tanzen.

Wattführungen und Vermietung einer FeWo, Angelika Kühn, Tel. 04667-563 oder 0175-2757936, http://kuehn-oland@t-online.de