Hotel Vier Jahreszeiten in Hamburg, zwei Uhr nachmittags. Senta Berger tritt aus dem Fahrstuhl, durchquert das Foyer. Eine schmale Frau, in ihren hellen Haaren schimmert etwas Rot, eine Sonnenbrille verdeckt die Augen. Sie reicht eine Hand, die sehr klein ist. Wir setzen uns an einen Tisch mit Blick auf die Alster. Sie bestellt Orangensaft, die Kellnerin lässt Besteck fallen.

Das kommt in den besten Familien vor, sagt Senta Berger mit dieser sanften Stimme, gegen die einem andere Stimmen wie Geschrei vorkommen.

Am Tag zuvor hat sie auf dem Schleswig-Holstein Musikfestival in Norderstedt Texte von Tucholsky, Ringelnatz und Mascha Kaléko gelesen. Dazu spielte ein Pianist Lieder von Schumann, Mozart und Bartók. Kinder! Kinder! war der Abend überschrieben. Im Publikum saßen viele Frauen. Das ist so hautnah, sagte eine Dame im geblümten Kleid, als ein Kind in Tucholskys Text fragt, wie die Löcher in den Käse kommen und der Vater keine Antwort weiß. Senta Berger kennt solche Fragen. Die Texte waren ihr wieder in den Sinn gekommen, als ihr Sohn auszog. An dem Tag, als der Umzugswagen vor der Tür stand und sein Klavier an ihr vorbeigetragen wurde. Der Verlust der Kinder, das seien archaische Gefühle, sagt sie.

Senta Berger, 64, hat zwei Söhne. Sie ist seit fast vierzig Jahren mit dem Regisseur Michael Verhoeven verheiratet. 1971 gehörte sie zu jenen Frauen, die auf dem legendären stern-Titel Ich habe abgetrieben abgebildet waren. Für Gleichberechtigung hat sie gekämpft und für weibliche Selbstverwirklichung.

Heute sagt sie: Dass Frauen heute die Wahl haben, ein Kind zu bekommen oder nicht, macht die Sache nicht einfacher. Früher wurde man einfach schwanger, es war nicht immer richtig, aber es ging dann irgendwie. Heute überlege man zu lange, anstatt einfach dem Leben zu begegnen. Und sich für Kinder zu entscheiden. Dies scheint derzeit schwieriger als jemals zuvor.

Sozialwissenschaftler warnen vor der kinderlosen Gesellschaft, und Senta Berger, die Zeitzeugin des Gestern und Heute, liest für ein kinderreiches Morgen.

Sie hat die Sonnenbrille abgenommen, sitzt aufrecht auf dem Sofa, um ihren Mund ein Hauch von Ironie. Neben uns beginnt ein alter Mann lautstark mit dem Kellner zu reden. Ein kurzer Blick zur Seite, na der wird schon nicht ewig plaudern, dann erzählt sie weiter. Über ihre eigene Kindheit und Jugend. Wie sie die mit 22 verlor, 1963, als sie Wien verließ und in die USA ging. Einen letzten Blick auf den Wald hat sie geworfen, dorthin, wo sie als Kind herumgetollt war und wo sie zum ersten Mal einen Jungen küsste. Sie spricht auch von der Sehnsucht nach ihren Kindern. Vom Schmerz, wenn sie so fern waren, wenn sie irgendwo filmte. Damals hat sie sich schon mal in einen Nachtzug gesetzt, nachdem der Kleine am Telefon gefragt hatte: Wann kommst du wieder?