Kontroversen sind das Salz in der Suppe der Geschichtswissenschaft. Die Entwicklung der zeithistorischen Forschung in der Bundesrepublik lässt sich begreifen als eine Abfolge von Großdebatten, wobei den Massenmedien jeweils eine wichtige Rolle zukam. Dieser Eindruck drängt sich zumindest auf, wenn man die intelligente, zügig geschriebene Darstellung von Klaus Große Kracht zur Hand nimmt.

Der Autor, Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, verfolgt in sechs Kapiteln die historischen Kontroversen nach 1945, wobei dem Wechselspiel von Fachwissenschaft und medialer Öffentlichkeit eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nachdem die fünziger Jahre noch durch eine "gewisse Stille" (Hermann Lübbe) im Umgang mit der jüngeren deutschen Zeitgeschichte geprägt waren, markierte der Streit um Fritz Fischers Buch Griff nach der Weltmacht in den frühen sechziger Jahren die erste große Auseinandersetzung innerhalb der westdeutschen Historikerzunft.

Zu Recht erinnert Große Kracht daran, dass Fischers Thesen zum Kriegsausbruch 1914 und zur Kontinuität der deutschen Kriegsziele vom Kaiserreich zum "Dritten Reich" zunächst auf die heftige Ablehnung fast aller Neuzeithistoriker in der Bundesrepublik stießen. Es waren vor allem Publizisten, allen voran Rudolf Augstein, die sich für Fischer in die Bresche warfen, und es waren die Studenten, die ihm auf dem legendären Berliner Historikertag 1964 begeistert applaudierten. Der direkte Schlagabtausch der Kontrahenten vor großem Publikum, vor Kameras und Mikrofonen stellte eine neue Qualität dar. Die Geschichtswissenschaft hatte den Elfenbeinturm verlassen und profilierte sich erstmals als public science.

In den späten sechziger Jahren indes verlor sie ihre Rolle als Leitwissenschaft. Die rebellierenden Studenten bezogen ihr theoretisches Arsenal aus den Sozialwissenschaften. Von diesen wiederum gingen wichtige Impulse für eine grundlegende Erneuerung der Geschichtswissenschaft aus. Hans-Ulrich Wehler und seine "Bielefelder Schule" starteten den Versuch, Geschichte als "historische Sozialwissenschaft" zu etablieren. Große Kracht zeigt auf, wie es in der Auseinandersetzung um die Reichweite des gesellschaftsgeschichtlichen Ansatzes Mitte der siebziger Jahre zu einer Polarisierung zwischen einer sozialliberalen und einer konservativen Richtung kam, in der sich bereits der Frontverlauf des zehn Jahre später geführten "Historikerstreits" abzeichnete.

"Grabenkampf in der Geschichtskultur" hat der Autor das Kapitel über diesen Streit genannt, und tatsächlich ging es weniger um die Diskussion neuer Forschungsergebnisse als um die Deutungshoheit über die NS-Vergangenheit, insbesondere um die Frage, welchen Stellenwert dem Holocaust im öffentlichen Geschichtsbewusstsein der Bonner Republik künftig beizumessen sei. Der Fall der Mauer und die Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1989/90 traf die westdeutsche Geschichtswissenschaft unvorbereitet. Historiker sind eben eher rückwärts- als vorwärtsgewandte Propheten. Gut, dass Große Kracht auf ihren Beitrag in der Vereinigungsdebatte eingeht und dass er die Kämpfe um das Erbe der DDR-Geschichtswissenschaft ausführlich nachzeichnet.

Den Abschluss bildet die Darstellung der Kontroversen um Daniel J. Goldhagens Bestseller Hitlers willige Vollstrecker (1996) und die sich anschließenden Auseinandersetzungen um die so genannte Wehrmachtausstellung. Mit ihnen sieht der Autor die Zeit der Großdebatten über die NS-Vergangenheit an einem Endpunkt angelangt. Doch diese Prognose könnte sich schon bald als voreilig erweisen.

Die historischen Kontroversen haben nicht nur die Zeitgeschichtsforschung belebt, sie haben überhaupt einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer demokratischen Streitkultur in unserem Lande geleistet. Diese verdienstvolle Publikation unterstreicht, dass dies ohne die Vermittlung seriöser Medien nicht möglich gewesen wäre.Volker Ullrich