Rosen für die reiche Welt

Nancy Koygijó kann nicht mit den Fingerknöcheln auf den ausrangierten Tisch pochen, wie es die anderen tun, wenn sie ihren Argumenten Nachdruck verleihen will. Die Blumenarbeiterin gibt gerade ihrem dritten Kind die Brust. Aber sie stimmt den Worten ihres Nebenmannes zu: "Wir werden um unsere Rechte bis zur letzten Konsequenz kämpfen, wir sind bereit, hier unser Blut zu vergießen."

Draußen wäscht der Regen die turmhohen Eukalyptusbäume, die den immer durstigen Rosen früher das Wasser gestohlen hatten. Auf der Farm "Rosas de Ecuador" blühen heute keine Rosen mehr. Vor zwei Jahren haben sich die ehemaligen Besitzer davongemacht. In den sieben Monaten zuvor hatten sie keine Löhne mehr ausgezahlt. Geblieben sind Nancy und weitere 52 Männer und Frauen, die auf der Plantage im Hochland der Anden gearbeitet haben. Sie verbarrikadieren sich mit ihren Kindern hinter dem eisernen Einfahrtstor. Sie wollen die Farm halten, bis sie die sieben Monatslöhne und eine Abfindung bekommen. Sie schlafen auf Matratzen in den früheren Verwaltungsräumen und halten abwechselnd Wache, um die Plantage zu verteidigen. Bei den Alten vermischt sich Verbitterung mit Stolz. Ihre Hacienda führte einst den Rosenboom in Ecuador an.

Aus dem Andenstaat kommen heute die schönsten Rosen der Welt. "Wir waren hier die Ersten und die Besten", grollt der einem Gaucho gleichende Luis Imbakinquo, der Chemikalien gespritzt hat und dabei auch schon mal umgefallen ist: "1987/88 gewann unsere Farm die Goldene Rose."

Alvaro Vaena hieß der alte Besitzer. Er war Kolumbianer, sorgte immer für pünktliche Löhne und Schutzkleidung, ließ sogar einen Betriebsrat zu: "Einen richtigen Betriebsrat, Señor, wie er für fast alle Farmer Ecuadors und Kolumbiens ein rotes Tuch ist!"

Als Alvaro Vaena die Rosas de Ecuador abgab, verlor die Farm ihre führende Position. Die neuen Besitzer teilten nicht einmal mehr Schutzkleidung aus. Sie erklärten dem Betriebsrat den Krieg. Nachdem sie schließlich das Weite gesucht hatten, sahen die Blumenarbeiter keine andere Möglichkeit mehr als den Dauerstreik. Wer Betriebsräte, Gewerkschaften gar, zu gründen versucht oder ihnen angehört, kommt auf schwarze Listen und findet auf anderen Plantagen im Land keine Arbeit mehr. Die 53 Besetzer suchten sich ihre eigene Arbeit auf der Farm. Sie legten kleine Versuchsparzellen an, um wieder zu lernen, wie man Gemüse anbaut und Gras sät für Kleintiere. Denn wo in Ecuador Rosen blühen, haben sie die normale Landwirtschaft verdrängt. Die Jüngeren können nur noch Rosen pflanzen, wässern, sprühen, schneiden und für jene Riesenvögel verpacken, die täglich Millionen der edelsten Exemplare zu den reichen Kontinenten tragen.

An die Namen vieler Sorten erinnern sich die Streikenden von "Rosas de Ecuador" noch wie an ein verlorenes Paradies. "War die Black Magic dabei? Baute die Farm schon die Espérance oder die Freedom an?" – "Ich kenne nur die Black Magic", sagt die 59-jährige Lourdes, die den Hut der Hochland-Indianer trägt, "die kam noch, bevor sie hier zumachten."

Rosen für die reiche Welt

Die dunkelrote, samtfarbene Black Magic, Jahrgang 1995, stammt aus Uetersen bei Hamburg. Aufgezogen vom Zuchtbetrieb Rosenwelt Tantau, begann ihre Karriere auf den Plantagen Afrikas und Lateinamerikas. In Russland wurde sie zum Verkaufsschlager. Die Russen bevorzugen einzelne, langstielige, repräsentative Rosen, die sie an den Valentins-, Frauen- und Lehrertagen überreichen. Der Name der Rose, den ihr Züchter und Produzenten gaben, tat ein Übriges: Black Magic, das passte zur schwarzen Wirtschaftsprivatisierung in Moskau. Die Black Magic hielt sich lange. Heute führt sie ein zweites Leben als Gartenrose, doch gehört sie weiter zu den 50000 Schnittrosensorten, die weltweit registriert sind.

Die Blumenindustrie hat erreicht, dass der Himmel voller Rosen hängt. Fracht-Jumbos, mit Blumenpaletten gestopft, überqueren die Ozeane von Kühlhaus zu Kühlhaus. Jede Linienmaschine, die mit ihren Passagieren Bogotá, Quito oder Nairobi in Richtung Europa oder Nordamerika verlässt, hat Rosen geladen. Achtzig Prozent aller Blumen, die nach Europa kommen, landen auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Vorbei sind damit die Zeiten, in denen regionale Rosenanbauer wie in den Vierlanden bei Hamburg und die "Big Grower" der Niederlande den Markt beherrschten. Nach Stückzahl und Hektar haben Kenia und Kolumbien die Holländer längst überholt. Entschwunden auch ist der Sinn des alten baltischen Sprichworts: "Gott gibt uns Erinnerungen, damit wir im Winter Rosen haben."

Wie einst die großen Mächte Kolonien an sich rafften, stecken heute die Unternehmer aus Europa und den USA, die Grundbesitzer in Lateinamerika und die reiche Regierungs-Klientel in Afrika ihre Blumenfelder immer weiter ab. Kolumbien, Ecuador, Kenia, auch Simbabwe und Südafrika sind die Big Shots. Sambia ist der am schnellsten wachsende Blumenexporteur. Auf Äthiopien setzen die Propheten. Dem armen Ecuador bringen Rosen nach Öl und Bananen inzwischen die dritthöchsten Einnahmen. In Kolumbien sind die Rosen über alle Verbrechen von Guerillas und Paramilitärs hinweg zu einem Geschäft gediehen, das tröstlicherweise noch besser blüht als der Kokainschmuggel. Ende der neunziger Jahre hat der US-Fruchtmulti Dole etwa ein Fünftel der kolumbianischen Rosenplantagen erworben.

Unter der Äquatorsonne haben sich die Köpfe vieler Rosensorten in kaum mehr als einem Jahrzehnt um fast fünfzig Prozent vergrößert. Immer ausgefallener müssen die Farben sein, immer wohlproportionierter die Formen, immer voller die Körbchen der Blüten und immer länger die Stiele.

Auf Rosen betteten sich schon die Römer in den Zeiten der Dekandenz. Horaz beklagte, dass so viele Getreideäcker in Rosenfelder umgewandelt würden. Als der Anbau damals dennoch hinter der Nachfrage nach den Blütenblättern zurückblieb, wurden sie aus Ägypten importiert. Cleopatra schritt auf Rosen, wenn sie Antonius empfing, und ließ den Speisesaal eine Elle hoch mit Rosenblättern auslegen.

Die Prominenz von heute schmückt sich kaum weniger üppig. Fast 65000 Rosen dekorierten den Berliner Presseball im Jahre 2003, gespendet von den Plantagen in Ecuador. Immerhin kam die Blütenpracht nur von jenen Farmen, die das grüne Siegel des Flower Label Program (FLP) tragen. Deutscher Blumenhandel, humanitäre Organisationen und Gewerkschaften haben darin Richtlinien für eine menschenwürdige Blumenproduktion festgelegt.

Niemand gibt für Rosen mehr aus als die Bundesbürger. 2004 blätterten sie rund drei Milliarden Euro für Schnittblumen hin, jede Dritte davon war eine Rose. Aus Deutschland stammte nicht mal ein Drittel dieser Pracht. Rosen aus den südlichen Erdteilen steigen von der Grenze des Importlandes bis zum Verkauf im Blumenladen um das Siebenfache in ihrem Wert. Da obendrein Europäer oder Multis wie Dole viele der Rosenplantagen in der Dritten Welt besitzen, bleiben den Ländern dort nur sehr dürftige Exporterlöse.

So kurz das Leben einer Rose ist, so lang ist die Kette der Menschen, die an ihr hängen. Die meisten der 150000 Arbeiter auf den Blumenplantagen der Welt sind Frauen. Sie müssen zumeist die Pflanzen einsetzen und kommen mit den Chemikalien ständig in Kontakt. Sie arbeiten gebückt, in der Hocke, auf Knien. Dennoch werden sie auf vielen Farmen geringer entlohnt und seltener mit Schutzkleidung ausgestattet als die Männer. Sie kommen in ihren Arbeitssachen nach Hause, nehmen die Kinder auf den Arm oder an die Brust, bereiten das Essen zu. Die Mutterschaftsfristen sind zu kurz, wenn es sie überhaupt gibt. Blumenarbeiterinnen wissen viel von Fehlgeburten zu erzählen.

Und dennoch sehen viele auf den Rosenplantagen eine Chance für den sozialen Aufstieg. Andere Arbeitsplätze gibt es nicht. Der Lohn bringt ihnen ein wenig persönliche Freiheit, sogar Mitbestimmung in der familiären Hierarchie. Ihre Hoffnung verbindet sie mit den Regierungen ihrer Länder. Die setzen auf Investitionen und Devisen, auf den Import moderner Techniken und Verfahren, auf die Errichtung von Wohnanlagen und Krankenstationen rund um die Farmen. Aus all diesen Gründen gibt es keine Demonstranten und Organisationen in der Dritten Welt, die einen bedingungslosen Rosenkrieg führen wollen. Der Deutsche Frank Braßel, der seit vielen Jahren weltweit die Blumenkampagnen der NGO Food First Information & Action Network (FIAN) koordiniert, bekräftigt: "Ein Boykott war und wird nie unser Ziel sein – es geht nur um die Aufklärung der Konsumenten." Was könnten die Rosen dazu erzählen, von den Stationen ihres Lebens und den Menschen auf diesem Weg?

Rosen für die reiche Welt

Zum gläsernen "Geburtshaus" der Black-Magic-Rose führt ein Empfangsgebäude, das sich wie die Geschäftsstelle eines Champions-League-Siegers ausnimmt. Pokale, Medaillen, Urkunden reihen sich in Glasvitrinen. In der ersten Liga der Rosenzüchter – nicht zu verwechseln mit den Rosenanbauern in Gärtnereien und Farmen – spielt nur ein halbes Dutzend europäischer Traditionsclubs. Das Real Madrid der Branche liegt in Uetersen nördlich von Hamburg, heißt Rosen-Tantau und ist fast hundert Jahre alt. Barcelona, gewissermaßen, ist nur wenige Kilometer entfernt: Wilhelm Kordes und Söhne, gegründet 1887, in Klein Offenseth-Sparrieshoop. Zusammen beherrschen beide Züchter 50 Prozent des Weltmarkts für Schnittrosen. Mithalten können noch vier holländische Unternehmen, angeführt von De Ruiter’s; die Runde komplettieren der französische Traditionszüchter Meilland und der von Italienern in Frankreich geführte Betrieb NIRP. Der berühmte britische Züchter David Austin gehört mit seinen Gartenrosen zu einer anderen Sparte.

Tantaus Pflanzen bringen 60 Prozent der in Lateinamerika angebauten Rosen hervor. Das Stammgebiet von Kordes liegt in Ostafrika. Wer Kenia hat, trumpft in Europa auf; wer in Südamerika führt, ist in den Vereinigten Staaten Herr des Sortiments. Die USA sind zwar der größte Absatzmarkt für Rosen. "Doch die Formen, Farben und Moden bestimmen allein die alten Europäer", sagt Eduardo Chiriboga, 33-jähriger Repräsentant von De Ruiter’s in Südamerika.

Noch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Rosen von Kordes und Tantau fast nur aus dem holsteinischen Flachland. An ihren Namen sind Geschichte und zunehmendes Wohlgefühl der he-ranwachsenden Bundesrepublik abzulesen: 1954 brachte Tantau die Rose Konrad Adenauer heraus, dann die Mainzer Fastnacht, Whisky (1967), Erotika (1968), wenig später die Piroschka. Heute muss der Name der Rose, ebenso wie der eines neuen Automodells, global verständlich sein. Fünf Jahre nach der Black Magic kam bei Tantau eine Rose zur Welt, 70 bis 90 Zentimeter lang, so intensiv rot, dass man ihr in Übereinstimmung mit den Blumenkunden in den USA den Namen Bloody Mary gab. Doch dann gewann im November 2000 George W. Bush die Präsidentenwahlen, der vom Saulus zum Paulus gewandelte Alkoholgegner. Tantaus Partner gerieten in Sorge um die künftigen Absatzchancen der Bloody Mary. Züchter, Importeure und Händler entschieden sich zur Umtaufe: Seit November 2002 heißt die Bloody Mary "Freedom" – und bricht in den Vereinigten Staaten alle Verkaufsrekorde.

Ihren Namen erhält eine Rosensorte erst, wenn sie sich fünf Jahre durchgekämpft hat und 250000 "Geschwister" ihres Jahrgangs auf der Strecke geblieben sind. Der Züchtungsprozess ist "Handarbeit" geblieben, verläuft wie von alters her in Abhängigkeit von den Jahreszeiten – und nicht von der Gentechnik. Georg Wieners, 40-jähriger Leiter der Lizenzabteilung und seit 13 Jahren bei Tantau nach Gärtnerausbildung und Gartenbaustudium: "Wir verschließen uns ihr nicht grundsätzlich – zum Beispiel wenn es um die Resistenz gegen Pilzschäden geht. Aber das ist Zukunftsmusik." Von April bis Anfang Juni nehmen Tantaus Leute den Insekten die Arbeit ab und bestäuben mit den Fingern den noch nicht geöffneten Staubbeutel der einen Rosenblüte mit den Pollen der anderen. Die daraus gewonnenen Hagebutten werden im Oktober geerntet und ihre jeweils 15 bis 20 Sämlinge im Winter ausgesät. Vom Januar an beginnt der über Jahre laufende Aussonderungsprozess mit Zuchtbuch und Computer. Die attraktivsten und gesundesten Sorten werden in den Gewächshäusern weitervermehrt. Am Ende starten die wenigen auserwählten, noch unbenannten Schönen – jeweils 100 "Augen" – zum Jungfernflug nach Übersee. In Testgewächshäusern oder auf einer am Rosenzuchtbetrieb beteiligten Farm werden sie zur weiteren Beurteilung angebaut. Die Äquatorsonne, welche die Rosen früher nie gesehen haben, und (noch) nicht die Gentechnik, lässt sie zu ungeahnter Größe treiben. Der globale Markt macht aus den großen Züchtern kleine Außenminister, sie empfangen ständig Besucher und reisen selber um die Welt. In Kolumbien etwa, wo Entführungen an der Tagesordnung sind, können sie viele Farmen außerhalb Bogotás nur mit Leibwächtern und gepanzerten Wagen besuchen. "Züchten heißt vor allem wegwerfen", sagt Cees Hageman, der Mann mit der goldenen Hand beim Rosenzüchter De Ruiter’s in De Kwakel nicht weit von Amsterdam. "Neue Sorten werden immer schneller produziert, aber der Blumenhandel lässt sie immer kürzer leben."

Cees, der 35 Jahre lang im Geschäft ist, steht im Schaugewächshaus vor einer Rose namens Attracta: "Sie bringt heute bis zu 180 Stile im Jahr. Die berühmte alte Baccara kam auf höchstens 95. Aber sie lebte länger als zwei Jahrzehnte, inzwischen halten sich neue Sorten kaum mehr als drei Jahre auf dem Markt. Allerdings wirkt ihr Kopf heute fast winzig. Der Blütenkopf unserer Espérance ist über sechzig Prozent größer. So etwas konnte ich mir vor zehn Jahren noch nicht vorstellen."

Die vor allem in Lateinamerika angebaute, rosé- und champagnerfarbene Espérance hat derzeit wenig Konkurrenz. Trotz der zarten Farben sind ihr die weiten Transporte nicht anzumerken. Ihre "Vase-Life-Time", wie es in der globalisierten Blumenwelt heißt, kann drei Wochen erreichen. Ihr Geheimnis sind das Licht und die kalten Andennächte – wie in Ecuadors Rosenregion Cayambe, die fast 3000 Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Der Kanton unterhalb des Berges Cayambe, des einzigen eisbedeckten Gipfels der Welt, der direkt auf dem Äquator liegt, konservierte lange die alte Gesellschaftsordnung. "Auf den Haciendas herrschte noch ein halbes Sklavensystem", erinnert sich Diego Bonifaz, der Bürgermeister der Stadt, die ebenfalls Cayambe heißt. "Nach der Landreform 1963 standen hier Kühe bis zum Horizont. Die kleinen Bauern allerdings konnten von ihren Parzellen nicht leben." In dieser Zeit entdeckten die Amerikaner Kolumbien für den Blumenanbau. Kolumbianische Farmer exportierten die Revolution der Bodenkultur zwanzig Jahre später ins Nachbarland Ecuador.

Cayambe, der verschlafene Kanton am Äquator, blühte plötzlich auf. Baccara, Roulette, Black Magic versprachen den großen Gewinn. Goldgräberstimmung breitete sich aus. Während heute jeder fünfte der zwölf Millionen Ecuadorianer in den USA oder Europa arbeiten muss, sorgten die Rosen in Cayambe und in der weiter südlich gelegenen Region Latacunga für Tausende neuer Arbeitsplätze. Jobsuchende kamen selbst von der reicheren Küste in die Anden hinauf. 70 Prozent der lohnabhängigen Frauen im Kanton waren bald mujeres en flores, Blumenarbeiterinnen. Viele selbst verdienende Frauen übernahmen die Kontrolle über die Familienbudgets und den Schulbesuch ihrer Kinder. Männer träumten vom Weltmarkt. Geld kam von den internationalen Banken. Wer vier Hektar Rosenfelder anbaute, erhielt zwei Millionen Dollar Kredit, unter "Beteiligung" der korrupten Bürokratie, versteht sich.

So kam die Globalisierung nach Cayambe. Doch die rosigen Erwartungen enttäuschte sie schnell. 1998 brachen in Moskau Rubelkurs und Import zusammen – und im Kanton Cayambe 17 Banken. Weil die russischen Blumenkäufer wegblieben, fiel der Preis für den Rosenstiel von 37 auf 12 US-Cent – doch 21 Cent hatten die verschuldeten Farmen für ihre Kredite aufzubringen. Fast ein Drittel ging Bankrott. Der Rubel-Krise folgte 2000 die Dollarisierung Ecuadors. Einen Dollar, der zuvor in der Landeswährung 1000 Sucre wert gewesen war, musste man nun für 3500 Sucre eintauschen. Den Riesenverlust konnten auch mittlere Farmen nicht wettmachen. Ausländer übernahmen sie, vor allem Kolumbianer und Holländer. Der brache Rest vergiftete die Landschaft.

Rosen für die reiche Welt

Diego Bonifaz, der stolz auf seine direkte Ab-stammung von den Konquistadoren verweist, in Kalifornien Volkswirtschaft studierte und nun selbst mit strenger Hand eine Blumenfarm betreibt, blickt vom Rathaus über die von 20000 schnell auf 40000 Einwohner gewachsene Stadt. "Wir haben die besten Bedingungen der Welt, zwölf Stunden Sonne am Tag, Bewässerungssysteme schon von den Indios, Wasser vom Gletscher. Aber jedes Jahr häufen sich 500 Tonnen Plastik an, weil die von Chemikalien verseuchten Schutzhüllen über den Rosenfeldern ausgewechselt werden müssen."

Es ist nicht bequem, nach dem Rechten zu sehen im Kanton. Heftig stößt der Kopf an die Decke des Landrovers. Während das gefährlich schwankende Gefährt die steilen Andenhöhen hinaufholpert, blinken unten im Canan-Tal die mit Plastik überspannten Rosenfelder wie silberne Seen in der Sonne. Die Besitzer schützen sich mit Palisaden aus Bambusrohren gegen die Sommerwinde und mit streng bewachten Toren vor Konkurrenz und Kontrollen. Als der enge Pfad wieder von Baumgruppen eingeschlossen wird, taucht zu beiden Seiten eine jener toten Zeltstädte auf, die bankrotte Rosenfarmer der Umwelt hinterlassen haben. Hektar für Hektar ragen Holzstangen wirr in den Himmel, an zerrissenen Plastikhäuten nagt der Wind, Unkraut überwuchert die Rosenstöcke. Ihre Krankheiten ziehen weiter über Äcker und Flüsse. Plastikfetzen treiben in die Gegend, bis sie sich wie Riesenschlangen um Bäume oder Drahtzäune wickeln. Die Umweltschäden haben sich schneller verbreitet als die Informationen über sie. Blumenarbeiter, vor allem die Indios von den Bergen, decken ihre Lehmhütten mit den verseuchten, ausgewechselten Plastikplanen, obwohl das verboten ist.

Vieles wäre noch ärger, hätten nicht ein paar Idealisten aus dem Kanton das kleine Institut Iedeca gegründet, in dem sie für bessere Lebensbedingungen in den ländlichen Andengemeinden arbeiten. Brot für die Welt, das Comité Ecuménico de Proyectos in Quito mit der Deutschen Erika Hanekamp und die Regionalregierung Kataloniens unterstützen die Aufklärer von Cayambe. Iedeca-Chefin Norma Mena, Volkswirtin und Demografin, schickt allen Klagen voraus: "Wir sind keine Feinde der Blumenindustrie, und wir möchten, dass man in Europa weiter unsere Rosen kauft. Die Gesetze hier sind gut, schlecht ist die Kontrolle. Luft und Flüsse sind von Pestiziden schwer belastet, aber niemand hat die Technik, es zu messen."

Norma Menas Aufzählung an Krankheiten ist so lang wie die Liste der Gegenanzeigen auf dem Beipackzettel eines Medikaments. Über mindestens eine dieser Krankheiten klagt jede der mujeres en flores im Einzelgespräch. Sie leiden unter Kopf- oder Magenschmerzen, geröteten Augen, Atemproblemen, Allergien, die nicht wieder verschwinden, Gedächtnis- und Sehstörungen, motorischen Störungen der Hände.

Marina Catucuago aus dem Dorf Juan Montalvo kennt keine dieser Beschwerden. Für sie ist die Welt in Ordnung, wenn sie um 6 Uhr morgens wie durch einen Italo-Western an bizarr überwucherten Lehmwänden, windschiefen Hütten, Agaven und Kakteen vorbei zur Farm Hoja Verde radelt. Um 7 Uhr tritt sie zur Nachernte an, dem gehobenen Job auf allen Plantagen. Marina sortiert die gerade frisch geschnittenen Sorten – Black Magic und Espérance sind immer dabei –, doch auch die schönsten Rosen mit krummen Stilen muss sie zum Kompost werfen. Die Übrigen ordnet sie je nach Länge auf Gestellen ein, badet die Blätter in einer Seifenlösung, damit sie grün glänzen, und packt 20 bis 25 Rosen in Schachteln, aus denen die Blüten noch hervorschauen, die nur mit Wellpappe umwickelt werden. Die reisefertigen Sträuße kommen aufs Laufband, Marinas Name wird auf dem Strichcode festgehalten, weil sie zum Einheitslohn von gut 150 Dollar noch Extravergütungen nach Leistung erhält. Um 14.30 Uhr hat die 27-jährige Mutter zweier Söhne Feierabend. Nach Abzug von Sozialversicherung und Eigenbeitrag zu Frühstück und Mittag bleiben ihr 130 Dollar plus 13. Monatsgehalt, zuverlässig abgerechnete Überstunden, die Leistungsprämien und die Gewinnbeteiligung. Davon lässt sich leben in der Savanne – und davon lässt sich nur träumen auf den afrikanischen Blumenfarmen, wo Frauen oft kaum mehr als umgerechnet einen Euro pro Tag verdienen.

Wenn Marina lacht, zeigt sie zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Ach ja, der Zahnarzt, den hat sie noch vergessen. Er kommt einmal im Monat auf die Farm. Ein praktischer Arzt ist immer zur Stelle. Und dann der Betriebsausflug mit allen Kindern, runter zur Küste von Esmeraldos! Dort sogar übernachtet! Aber am meisten schwärmt Marina, die von den Hochland-Indios abstammt, doch davon, dass alle Blumenfrauen ihre eigene Seife und Handtücher bekommen. Der Stolz darauf hat sich aus der Feudalzeit vererbt: Gute Haciendas gaben schon immer "beneficios", schlechte nicht. Marina arbeitet auf einer guten Farm, ihr Mann auf einer schlechten. Deshalb kann sie vergleichen. Ihr Mann bekommt den Lohn nicht pünktlich, die Überstunden selten und Erfolgsprämien gar nicht bezahlt. Von Seife und Handtuch ganz zu schweigen. Den Pilz an den Händen wird er nicht los.

Hoja Verde bedeutet "grünes Blatt". Ihr Besitzer, der 39-jährige Eduardo Letort, begann 1997, die Hacienda seines Vaters von Viehwirtschaft auf Rosenanbau umzustellen. Als das Geschäft auch mit Europa gut anlief, schloss sich der gelernte Betriebswirt dem deutschen Flower Label Program (FLP) an. FLP-Mitgliedsfarmen (in Ecuador sind es bisher 42 von knapp 400) verpflichten sich, die weltweit anerkannten Arbeitsrechte zu respektieren, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vorgegeben hat. Sie lassen Stichproben durch humanitäre Organisationen und Gewerkschaften zu.

Doch diese Plantagen sind in der Minderheit, und das Outsourcing pflanzt sich auch am Äquator fort: Um die Zahl der fest angestellten Arbeiter zu senken, gründen die von der weltweiten Überproduktion bedrängten Farmen eigene Unterfirmen, von denen sie sich Zeitpersonal für kurze Fristen vermitteln lassen. Sie befreien sich damit von Krankenversicherung, Pensionsansprüchen, Mutterschaftsurlaub und obendrein von der Pflicht, für Schutzkleidung zu sorgen und über Gefahren aufzuklären.

Rosen für die reiche Welt

Auf der Farm Hoja Verde laufen die Männer mit ihren Giftspritzen in Schutzanzügen fast wie Astronauten herum. Vor den riesigen Plastikhauben, die über die Rosenfelder gespannt sind, hängen Schilder wie Speisekarten aus. Darauf steht, wann und was gesprüht worden ist und an welchem Tag die Anlage wieder betreten werden darf. Doch auf vielen Plantagen, vor allem in Afrika, zählt nur der Gewinn. Die Frauen werden noch immer wenige Minuten nach dem Sprayen wieder in die giftigen Dunstwolken geschickt. Und Europas Chemiemultis haben in den vergangenen Jahren wenig Hemmungen gezeigt, Pestizide in überseeische Anbaugebiete zu exportieren, die im Ursprungsland längst verboten waren.

Bei Hoja Verde stehen auf 12 Hektar fast 800000 Rosenstöcke, freilich nicht mehr in der Erde, sondern in Behältern mit Kokossubstrat, die mit Hilfe von Computern bewässert werden. 14 Menschen bestellen einen Hektar – das sind wesentlich mehr Arbeitsplätze als auf Bananen- oder Teefarmen. Marina Catucuago und die anderen Frauen bei der Nachernte stehen in gelben Gummistiefeln auf Holzbänkchen, wenn die Rosen nach dem Schnitt am ganz frühen Morgen und vierstündigem Auftanken in einer Nährlösung zu ihnen kommen. Die Bänkchen sind, in Absprache mit FLP, wegen der feuchten Steinfliesen aufgestellt worden. Auch Handschuhe gibt die Farm ständig an alle aus – im Gegensatz zu manchen Betrieben in Kenia, wo die Frauen aus Angst vor Pilz die Finger selbst mit Klebeband schützen.Während Marina die Blumen sortiert, werden sie schon übers Internet verkauft. An Importeure und Grossisten in Europa, das sieben Stunden voraus ist, und direkt an die Floristen in den USA. Bis 11 Uhr Ortszeit kommen Dutzende Sorten verpackter Rosen in den Kühlraum; Black Magic zumeist in roten Schachteln für Russland, die Espérance in gelben und rot-blauen für Europa und die USA. Die Freedom fehlt auf Hoja Verde, weil sie auf dem Alten Kontinent wenig gefragt ist. Die Temperatur im Kühlraum beträgt zwei Grad. Die Rosen fallen ins Reise-Koma, aus dem sie in den USA nach zwei Tagen, in den europäischen Blumenläden nach sechs Tagen erwachen.

Am Nachmittag holt sie das Frachtunternehmen Deijl Cargo mit einem seiner hellblauen Lastwagen ab. Von Cayambe auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Quito auf der südlichen sind die Rosen knapp zwei Stunden unterwegs, das Kühlsystem ist ständig eingeschaltet. Auch am Flughafen kommen sie sofort in den Kühlraum der Frachtfirma, wo Black Magic und Espérance wieder auf Schachteln mit Freedom von anderen Farmen treffen.

Am Flughafen drängen sich 40 Cargo-Vertretungen auf engstem Raum. 90 Prozent ihrer Exportfracht sind Blumen. Der 33-jährige Holländer David de Haas, der Deijl Cargo seit neun Jahren betreibt, sitzt ständig am Telefon: "Die Farmer rufen uns an, welche Kunden rund um die Welt wie viel geordert haben." De Haas bestellt den Raum bei den Fluglinien, sorgt für Luftfrachtbriefe, Exportdokumente, Ursprungszeugnisse, Hygienegenehmigungen. Die meisten Rosen werden gegen Abend angeliefert und fliegen am nächsten Morgen ab. Während ihres 12- bis 15-stündigen Fluges in Linienmaschinen oder voll gestopften "Blumenbombern" werden die Rosen weiter übers Internet verkauft.

In Amsterdam warten die Berufskollegen von David de Haas mit den nötigen Papieren. Ecuador gilt als High-Risk-Country. Der Zoll nimmt beim Entladen Stichproben vor. Die Rosen aus Kolumbien müssen regelmäßig unter den Scanner, was drei Stunden Verzug bedeutet. Zu oft war in ausgehöhlten Stielen Kokain versteckt. Was durchgewunken ist, kommt aus den Schachteln, wird per Laser angeschnitten und in speziellen Plastikeimern mit Nährflüssigkeit aufs Band gestellt. Lastwagen bringen die Ware zu den Kühlhäusern der Importeure, Großhändler und Blumenbörsen.

Die Wallstreet des Blumenhandels liegt nur 15 Kilometer entfernt: die Vereinigte Blumenversteigerung Aalsmeer. Allein sechs bis acht Millionen Rosen werden hier an jedem Morgen versteigert. Früh um 6 Uhr erscheint das größte zentrale Handelsgebäude der Welt mit einer Ausdehnung von 165 Fußballplätzen fast so erstarrt wie Dornröschens Schloss. An den Ladebuchten liegt eine europäische Flotte von vielen hundert Lastwagen. Die langen Züge aus Aluminiumwagen, die an kleine Elektrotrecker gekoppelt sind, stehen wie vor einem roten Warnlicht. Im Versteigerungsraum für Rosen, dem größten Auktionssaal für Schnittblumen, sitzen die Bieter an Holzpulten, die steil wie in Hörsälen zur Bühne abfallen.

Punkt 6.30 Uhr beginnt die morgendliche Zei-tenwende. Auf den beiden an die Frontwand projizierten Riesenuhren rast ein roter Punkt gegen den Uhrzeigersinn von 100 (Cent) auf null zu. Fünf Sekunden braucht er für die Runde. Doch er schafft sie nie. Vorher hat einer der fast 500 Händler im Saal auf seinen schwarzen Knopf am Pult gedrückt: Der Punkt stoppt für einen Moment bei 18 Cent, die Sphinx Gold ist verkauft. Sofort dreht der rote Renner die nächste Runde, Blizzard für 18, Cézanne für 19 Cent. Drückt der Bieter Sekundenbruchteile zu früh, zahlt er drauf, kommt er einen Lidschlag zu spät, hat er die Partie von einer Sorte verloren, die vielleicht einer seiner Kunden unbedingt haben wollte. Während der rote Punkt rotiert, erscheinen inmitten des an die Wand geworfenen, wie ein Mühlrad großen Zifferblatts sekundenlang das Foto der Rose, der Name des Produzenten, Angaben über die Länge des Stiels, der Güteklasse, des Schnittdatums. Die Bieter kennen die Namen, trauen den Standards, die von 60 Kontrollinspektoren der Börse ständig überprüft werden. Im Parterre des Saals zieht auf Rollboxen ein endloser Rosengarten mit all den Schönen vorbei, die gerade verkauft werden. Viele Händler bieten noch gleichzeitig über ihre Laptops in anderen Auktionshallen mit. Bei dieser Börsenschlacht mit einer Fußtruppe von täglich 12000 Menschen sind ständig zwei Ärzte in Bereitschaft.

Ohne die Uhren und die beispiellose Logistik von Aalsmeer könnten nicht täglich 19 Millionen Schnittblumen und 2 Millionen Pflanzen umverteilt werden. "Die Black Magic bei der Versteigerung kam aus Afrika", sagt Adriënne Lansbergen, seit 23 Jahren dabei. Sie hat das in einer Minute per Handy ermittelt. "Die Espérance stammte von holländischen Produzenten. Die Freedom bieten wir nicht an." Was von diesen drei Starsorten aus Lateinamerika kommt, holen die deutschen Importeure selber vom Amsterdamer Flughafen ab.

Rosen für die reiche Welt

Im Städtchen Straelen am Niederrhein steht ein Betonkomplex auf grüner Wiese. Im Großraumbüro im ersten Stock klingeln die Telefone wie bei einer Taxizentrale. "Wir können jetzt nicht die Pompadour schicken", erklärt der 41-jährige Verkaufsleiter Carlo Weber gerade einem Anrufer, "nicht mit 10000 Stielen! Ihr könnt die Karen nehmen. Ja, 35 Zentimeter die einen, 55 die anderen!" Der Straelener Blumenhandel gehört zu den führenden Lieferanten des Großhandels vom Hamburger Blumenmarkt bis nach Armenien. Viermal die Woche treffen Rosen aus Ecuador ein, 18 Millionen im Jahr. Aus den übrigen Exportländern kommen noch 52 Millionen hinzu. Um 10.30 Uhr ist an diesem Morgen in Amsterdam eine Frachtmaschine mit gut 70 Tonnen Blumen aus Ecuador gelandet. Vier Tonnen Rosen kommen um 18 Uhr in Straelen zur Aufbereitung an. Zehn Leute schneiden bis zum frühen Morgen 150000 Rosen an, binden sie neu, verpacken sie in Folie und stellen sie in die Plastikeimer mit der Nährlösung. Black Magic, Espérance und Freedom sind mit von der Partie.

Vom späten Nachmittag an treffen die Lastwagen aus Straelen und Holland, aus Vierlanden und Italien auf dem Hamburger Blumengroßmarkt ein. Um 2 Uhr früh beginnen die "Marktbeschicker" an 240 Ständen mit dem Verkauf an Floristen, Wochenmarkthändler, Gartencenter. Im Sommer stechen die Vierländer Rosen die große Konkurrenz von Übersee glatt aus. Im Marschland des Elbe-Urstromgebiets haben sich viele traditionelle Gemüsebauern auf Schnittblumen umgestellt – und damit einen ähnlichen Strukturwandel wie Kolumbien und Ecuador vollzogen. Die Black Magic triumphiert zu dieser Jahreszeit in ihrer zweiten Karriere als lokale Freilandrose über die von weit angereisten Espérance und Freedom.

Die deutsche Rosenproduktion ist dennoch durch den steigenden Ölpreis weiter in die Defensive geraten. Werner Buhk, einer der Blumengroßhändler auf Hamburgs Markt, sagt kurz und bündig: "Im Winter läuft hier nichts. Öl und Gaswerke sind zu teuer, afrikanische Rosen zu billig. Ohne Licht ist nichts zu machen!"

Mit dem Ende der Sommersaison werden in den besseren Blumenläden wieder die großköpfigen Rosen stehen, die das Licht das ganze Jahr über und zwölf Stunden täglich kostenlos von der Äquatorsonne beziehen. Von den wachsenden Anbauflächen vor allem in Afrika wird auch billige Ware in die Supermärkte, Ketten, Drogerien, Baumärkte, Tankstellen schwemmen. Wer fragt noch nach dem Land, in dem die Rosen blühen – mitten im Winter? "Fast niemand", sagt Nuri Özer, der seit 25 Jahren den exquisiten Blumenpavillon in Hamburg-Pöseldorf betreibt, und stellt zwei armvolle Bouquets Espérance in die Passage.

"Die Haltbarkeit allein interessiert und nicht die Herkunft."