Die dunkelrote, samtfarbene Black Magic, Jahrgang 1995, stammt aus Uetersen bei Hamburg. Aufgezogen vom Zuchtbetrieb Rosenwelt Tantau, begann ihre Karriere auf den Plantagen Afrikas und Lateinamerikas. In Russland wurde sie zum Verkaufsschlager. Die Russen bevorzugen einzelne, langstielige, repräsentative Rosen, die sie an den Valentins-, Frauen- und Lehrertagen überreichen. Der Name der Rose, den ihr Züchter und Produzenten gaben, tat ein Übriges: Black Magic, das passte zur schwarzen Wirtschaftsprivatisierung in Moskau. Die Black Magic hielt sich lange. Heute führt sie ein zweites Leben als Gartenrose, doch gehört sie weiter zu den 50000 Schnittrosensorten, die weltweit registriert sind.

Die Blumenindustrie hat erreicht, dass der Himmel voller Rosen hängt. Fracht-Jumbos, mit Blumenpaletten gestopft, überqueren die Ozeane von Kühlhaus zu Kühlhaus. Jede Linienmaschine, die mit ihren Passagieren Bogotá, Quito oder Nairobi in Richtung Europa oder Nordamerika verlässt, hat Rosen geladen. Achtzig Prozent aller Blumen, die nach Europa kommen, landen auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Vorbei sind damit die Zeiten, in denen regionale Rosenanbauer wie in den Vierlanden bei Hamburg und die "Big Grower" der Niederlande den Markt beherrschten. Nach Stückzahl und Hektar haben Kenia und Kolumbien die Holländer längst überholt. Entschwunden auch ist der Sinn des alten baltischen Sprichworts: "Gott gibt uns Erinnerungen, damit wir im Winter Rosen haben."

Wie einst die großen Mächte Kolonien an sich rafften, stecken heute die Unternehmer aus Europa und den USA, die Grundbesitzer in Lateinamerika und die reiche Regierungs-Klientel in Afrika ihre Blumenfelder immer weiter ab. Kolumbien, Ecuador, Kenia, auch Simbabwe und Südafrika sind die Big Shots. Sambia ist der am schnellsten wachsende Blumenexporteur. Auf Äthiopien setzen die Propheten. Dem armen Ecuador bringen Rosen nach Öl und Bananen inzwischen die dritthöchsten Einnahmen. In Kolumbien sind die Rosen über alle Verbrechen von Guerillas und Paramilitärs hinweg zu einem Geschäft gediehen, das tröstlicherweise noch besser blüht als der Kokainschmuggel. Ende der neunziger Jahre hat der US-Fruchtmulti Dole etwa ein Fünftel der kolumbianischen Rosenplantagen erworben.

Unter der Äquatorsonne haben sich die Köpfe vieler Rosensorten in kaum mehr als einem Jahrzehnt um fast fünfzig Prozent vergrößert. Immer ausgefallener müssen die Farben sein, immer wohlproportionierter die Formen, immer voller die Körbchen der Blüten und immer länger die Stiele.

Auf Rosen betteten sich schon die Römer in den Zeiten der Dekandenz. Horaz beklagte, dass so viele Getreideäcker in Rosenfelder umgewandelt würden. Als der Anbau damals dennoch hinter der Nachfrage nach den Blütenblättern zurückblieb, wurden sie aus Ägypten importiert. Cleopatra schritt auf Rosen, wenn sie Antonius empfing, und ließ den Speisesaal eine Elle hoch mit Rosenblättern auslegen.

Die Prominenz von heute schmückt sich kaum weniger üppig. Fast 65000 Rosen dekorierten den Berliner Presseball im Jahre 2003, gespendet von den Plantagen in Ecuador. Immerhin kam die Blütenpracht nur von jenen Farmen, die das grüne Siegel des Flower Label Program (FLP) tragen. Deutscher Blumenhandel, humanitäre Organisationen und Gewerkschaften haben darin Richtlinien für eine menschenwürdige Blumenproduktion festgelegt.

Niemand gibt für Rosen mehr aus als die Bundesbürger. 2004 blätterten sie rund drei Milliarden Euro für Schnittblumen hin, jede Dritte davon war eine Rose. Aus Deutschland stammte nicht mal ein Drittel dieser Pracht. Rosen aus den südlichen Erdteilen steigen von der Grenze des Importlandes bis zum Verkauf im Blumenladen um das Siebenfache in ihrem Wert. Da obendrein Europäer oder Multis wie Dole viele der Rosenplantagen in der Dritten Welt besitzen, bleiben den Ländern dort nur sehr dürftige Exporterlöse.

So kurz das Leben einer Rose ist, so lang ist die Kette der Menschen, die an ihr hängen. Die meisten der 150000 Arbeiter auf den Blumenplantagen der Welt sind Frauen. Sie müssen zumeist die Pflanzen einsetzen und kommen mit den Chemikalien ständig in Kontakt. Sie arbeiten gebückt, in der Hocke, auf Knien. Dennoch werden sie auf vielen Farmen geringer entlohnt und seltener mit Schutzkleidung ausgestattet als die Männer. Sie kommen in ihren Arbeitssachen nach Hause, nehmen die Kinder auf den Arm oder an die Brust, bereiten das Essen zu. Die Mutterschaftsfristen sind zu kurz, wenn es sie überhaupt gibt. Blumenarbeiterinnen wissen viel von Fehlgeburten zu erzählen.

Und dennoch sehen viele auf den Rosenplantagen eine Chance für den sozialen Aufstieg. Andere Arbeitsplätze gibt es nicht. Der Lohn bringt ihnen ein wenig persönliche Freiheit, sogar Mitbestimmung in der familiären Hierarchie. Ihre Hoffnung verbindet sie mit den Regierungen ihrer Länder. Die setzen auf Investitionen und Devisen, auf den Import moderner Techniken und Verfahren, auf die Errichtung von Wohnanlagen und Krankenstationen rund um die Farmen. Aus all diesen Gründen gibt es keine Demonstranten und Organisationen in der Dritten Welt, die einen bedingungslosen Rosenkrieg führen wollen. Der Deutsche Frank Braßel, der seit vielen Jahren weltweit die Blumenkampagnen der NGO Food First Information & Action Network (FIAN) koordiniert, bekräftigt: "Ein Boykott war und wird nie unser Ziel sein – es geht nur um die Aufklärung der Konsumenten." Was könnten die Rosen dazu erzählen, von den Stationen ihres Lebens und den Menschen auf diesem Weg?