Diego Bonifaz, der stolz auf seine direkte Ab-stammung von den Konquistadoren verweist, in Kalifornien Volkswirtschaft studierte und nun selbst mit strenger Hand eine Blumenfarm betreibt, blickt vom Rathaus über die von 20000 schnell auf 40000 Einwohner gewachsene Stadt. "Wir haben die besten Bedingungen der Welt, zwölf Stunden Sonne am Tag, Bewässerungssysteme schon von den Indios, Wasser vom Gletscher. Aber jedes Jahr häufen sich 500 Tonnen Plastik an, weil die von Chemikalien verseuchten Schutzhüllen über den Rosenfeldern ausgewechselt werden müssen."

Es ist nicht bequem, nach dem Rechten zu sehen im Kanton. Heftig stößt der Kopf an die Decke des Landrovers. Während das gefährlich schwankende Gefährt die steilen Andenhöhen hinaufholpert, blinken unten im Canan-Tal die mit Plastik überspannten Rosenfelder wie silberne Seen in der Sonne. Die Besitzer schützen sich mit Palisaden aus Bambusrohren gegen die Sommerwinde und mit streng bewachten Toren vor Konkurrenz und Kontrollen. Als der enge Pfad wieder von Baumgruppen eingeschlossen wird, taucht zu beiden Seiten eine jener toten Zeltstädte auf, die bankrotte Rosenfarmer der Umwelt hinterlassen haben. Hektar für Hektar ragen Holzstangen wirr in den Himmel, an zerrissenen Plastikhäuten nagt der Wind, Unkraut überwuchert die Rosenstöcke. Ihre Krankheiten ziehen weiter über Äcker und Flüsse. Plastikfetzen treiben in die Gegend, bis sie sich wie Riesenschlangen um Bäume oder Drahtzäune wickeln. Die Umweltschäden haben sich schneller verbreitet als die Informationen über sie. Blumenarbeiter, vor allem die Indios von den Bergen, decken ihre Lehmhütten mit den verseuchten, ausgewechselten Plastikplanen, obwohl das verboten ist.

Vieles wäre noch ärger, hätten nicht ein paar Idealisten aus dem Kanton das kleine Institut Iedeca gegründet, in dem sie für bessere Lebensbedingungen in den ländlichen Andengemeinden arbeiten. Brot für die Welt, das Comité Ecuménico de Proyectos in Quito mit der Deutschen Erika Hanekamp und die Regionalregierung Kataloniens unterstützen die Aufklärer von Cayambe. Iedeca-Chefin Norma Mena, Volkswirtin und Demografin, schickt allen Klagen voraus: "Wir sind keine Feinde der Blumenindustrie, und wir möchten, dass man in Europa weiter unsere Rosen kauft. Die Gesetze hier sind gut, schlecht ist die Kontrolle. Luft und Flüsse sind von Pestiziden schwer belastet, aber niemand hat die Technik, es zu messen."

Norma Menas Aufzählung an Krankheiten ist so lang wie die Liste der Gegenanzeigen auf dem Beipackzettel eines Medikaments. Über mindestens eine dieser Krankheiten klagt jede der mujeres en flores im Einzelgespräch. Sie leiden unter Kopf- oder Magenschmerzen, geröteten Augen, Atemproblemen, Allergien, die nicht wieder verschwinden, Gedächtnis- und Sehstörungen, motorischen Störungen der Hände.

Marina Catucuago aus dem Dorf Juan Montalvo kennt keine dieser Beschwerden. Für sie ist die Welt in Ordnung, wenn sie um 6 Uhr morgens wie durch einen Italo-Western an bizarr überwucherten Lehmwänden, windschiefen Hütten, Agaven und Kakteen vorbei zur Farm Hoja Verde radelt. Um 7 Uhr tritt sie zur Nachernte an, dem gehobenen Job auf allen Plantagen. Marina sortiert die gerade frisch geschnittenen Sorten – Black Magic und Espérance sind immer dabei –, doch auch die schönsten Rosen mit krummen Stilen muss sie zum Kompost werfen. Die Übrigen ordnet sie je nach Länge auf Gestellen ein, badet die Blätter in einer Seifenlösung, damit sie grün glänzen, und packt 20 bis 25 Rosen in Schachteln, aus denen die Blüten noch hervorschauen, die nur mit Wellpappe umwickelt werden. Die reisefertigen Sträuße kommen aufs Laufband, Marinas Name wird auf dem Strichcode festgehalten, weil sie zum Einheitslohn von gut 150 Dollar noch Extravergütungen nach Leistung erhält. Um 14.30 Uhr hat die 27-jährige Mutter zweier Söhne Feierabend. Nach Abzug von Sozialversicherung und Eigenbeitrag zu Frühstück und Mittag bleiben ihr 130 Dollar plus 13. Monatsgehalt, zuverlässig abgerechnete Überstunden, die Leistungsprämien und die Gewinnbeteiligung. Davon lässt sich leben in der Savanne – und davon lässt sich nur träumen auf den afrikanischen Blumenfarmen, wo Frauen oft kaum mehr als umgerechnet einen Euro pro Tag verdienen.

Wenn Marina lacht, zeigt sie zwei Reihen strahlend weißer Zähne. Ach ja, der Zahnarzt, den hat sie noch vergessen. Er kommt einmal im Monat auf die Farm. Ein praktischer Arzt ist immer zur Stelle. Und dann der Betriebsausflug mit allen Kindern, runter zur Küste von Esmeraldos! Dort sogar übernachtet! Aber am meisten schwärmt Marina, die von den Hochland-Indios abstammt, doch davon, dass alle Blumenfrauen ihre eigene Seife und Handtücher bekommen. Der Stolz darauf hat sich aus der Feudalzeit vererbt: Gute Haciendas gaben schon immer "beneficios", schlechte nicht. Marina arbeitet auf einer guten Farm, ihr Mann auf einer schlechten. Deshalb kann sie vergleichen. Ihr Mann bekommt den Lohn nicht pünktlich, die Überstunden selten und Erfolgsprämien gar nicht bezahlt. Von Seife und Handtuch ganz zu schweigen. Den Pilz an den Händen wird er nicht los.

Hoja Verde bedeutet "grünes Blatt". Ihr Besitzer, der 39-jährige Eduardo Letort, begann 1997, die Hacienda seines Vaters von Viehwirtschaft auf Rosenanbau umzustellen. Als das Geschäft auch mit Europa gut anlief, schloss sich der gelernte Betriebswirt dem deutschen Flower Label Program (FLP) an. FLP-Mitgliedsfarmen (in Ecuador sind es bisher 42 von knapp 400) verpflichten sich, die weltweit anerkannten Arbeitsrechte zu respektieren, welche die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) vorgegeben hat. Sie lassen Stichproben durch humanitäre Organisationen und Gewerkschaften zu.

Doch diese Plantagen sind in der Minderheit, und das Outsourcing pflanzt sich auch am Äquator fort: Um die Zahl der fest angestellten Arbeiter zu senken, gründen die von der weltweiten Überproduktion bedrängten Farmen eigene Unterfirmen, von denen sie sich Zeitpersonal für kurze Fristen vermitteln lassen. Sie befreien sich damit von Krankenversicherung, Pensionsansprüchen, Mutterschaftsurlaub und obendrein von der Pflicht, für Schutzkleidung zu sorgen und über Gefahren aufzuklären.