Auf der Farm Hoja Verde laufen die Männer mit ihren Giftspritzen in Schutzanzügen fast wie Astronauten herum. Vor den riesigen Plastikhauben, die über die Rosenfelder gespannt sind, hängen Schilder wie Speisekarten aus. Darauf steht, wann und was gesprüht worden ist und an welchem Tag die Anlage wieder betreten werden darf. Doch auf vielen Plantagen, vor allem in Afrika, zählt nur der Gewinn. Die Frauen werden noch immer wenige Minuten nach dem Sprayen wieder in die giftigen Dunstwolken geschickt. Und Europas Chemiemultis haben in den vergangenen Jahren wenig Hemmungen gezeigt, Pestizide in überseeische Anbaugebiete zu exportieren, die im Ursprungsland längst verboten waren.

Bei Hoja Verde stehen auf 12 Hektar fast 800000 Rosenstöcke, freilich nicht mehr in der Erde, sondern in Behältern mit Kokossubstrat, die mit Hilfe von Computern bewässert werden. 14 Menschen bestellen einen Hektar – das sind wesentlich mehr Arbeitsplätze als auf Bananen- oder Teefarmen. Marina Catucuago und die anderen Frauen bei der Nachernte stehen in gelben Gummistiefeln auf Holzbänkchen, wenn die Rosen nach dem Schnitt am ganz frühen Morgen und vierstündigem Auftanken in einer Nährlösung zu ihnen kommen. Die Bänkchen sind, in Absprache mit FLP, wegen der feuchten Steinfliesen aufgestellt worden. Auch Handschuhe gibt die Farm ständig an alle aus – im Gegensatz zu manchen Betrieben in Kenia, wo die Frauen aus Angst vor Pilz die Finger selbst mit Klebeband schützen.Während Marina die Blumen sortiert, werden sie schon übers Internet verkauft. An Importeure und Grossisten in Europa, das sieben Stunden voraus ist, und direkt an die Floristen in den USA. Bis 11 Uhr Ortszeit kommen Dutzende Sorten verpackter Rosen in den Kühlraum; Black Magic zumeist in roten Schachteln für Russland, die Espérance in gelben und rot-blauen für Europa und die USA. Die Freedom fehlt auf Hoja Verde, weil sie auf dem Alten Kontinent wenig gefragt ist. Die Temperatur im Kühlraum beträgt zwei Grad. Die Rosen fallen ins Reise-Koma, aus dem sie in den USA nach zwei Tagen, in den europäischen Blumenläden nach sechs Tagen erwachen.

Am Nachmittag holt sie das Frachtunternehmen Deijl Cargo mit einem seiner hellblauen Lastwagen ab. Von Cayambe auf der nördlichen Erdhalbkugel nach Quito auf der südlichen sind die Rosen knapp zwei Stunden unterwegs, das Kühlsystem ist ständig eingeschaltet. Auch am Flughafen kommen sie sofort in den Kühlraum der Frachtfirma, wo Black Magic und Espérance wieder auf Schachteln mit Freedom von anderen Farmen treffen.

Am Flughafen drängen sich 40 Cargo-Vertretungen auf engstem Raum. 90 Prozent ihrer Exportfracht sind Blumen. Der 33-jährige Holländer David de Haas, der Deijl Cargo seit neun Jahren betreibt, sitzt ständig am Telefon: "Die Farmer rufen uns an, welche Kunden rund um die Welt wie viel geordert haben." De Haas bestellt den Raum bei den Fluglinien, sorgt für Luftfrachtbriefe, Exportdokumente, Ursprungszeugnisse, Hygienegenehmigungen. Die meisten Rosen werden gegen Abend angeliefert und fliegen am nächsten Morgen ab. Während ihres 12- bis 15-stündigen Fluges in Linienmaschinen oder voll gestopften "Blumenbombern" werden die Rosen weiter übers Internet verkauft.

In Amsterdam warten die Berufskollegen von David de Haas mit den nötigen Papieren. Ecuador gilt als High-Risk-Country. Der Zoll nimmt beim Entladen Stichproben vor. Die Rosen aus Kolumbien müssen regelmäßig unter den Scanner, was drei Stunden Verzug bedeutet. Zu oft war in ausgehöhlten Stielen Kokain versteckt. Was durchgewunken ist, kommt aus den Schachteln, wird per Laser angeschnitten und in speziellen Plastikeimern mit Nährflüssigkeit aufs Band gestellt. Lastwagen bringen die Ware zu den Kühlhäusern der Importeure, Großhändler und Blumenbörsen.

Die Wallstreet des Blumenhandels liegt nur 15 Kilometer entfernt: die Vereinigte Blumenversteigerung Aalsmeer. Allein sechs bis acht Millionen Rosen werden hier an jedem Morgen versteigert. Früh um 6 Uhr erscheint das größte zentrale Handelsgebäude der Welt mit einer Ausdehnung von 165 Fußballplätzen fast so erstarrt wie Dornröschens Schloss. An den Ladebuchten liegt eine europäische Flotte von vielen hundert Lastwagen. Die langen Züge aus Aluminiumwagen, die an kleine Elektrotrecker gekoppelt sind, stehen wie vor einem roten Warnlicht. Im Versteigerungsraum für Rosen, dem größten Auktionssaal für Schnittblumen, sitzen die Bieter an Holzpulten, die steil wie in Hörsälen zur Bühne abfallen.

Punkt 6.30 Uhr beginnt die morgendliche Zei-tenwende. Auf den beiden an die Frontwand projizierten Riesenuhren rast ein roter Punkt gegen den Uhrzeigersinn von 100 (Cent) auf null zu. Fünf Sekunden braucht er für die Runde. Doch er schafft sie nie. Vorher hat einer der fast 500 Händler im Saal auf seinen schwarzen Knopf am Pult gedrückt: Der Punkt stoppt für einen Moment bei 18 Cent, die Sphinx Gold ist verkauft. Sofort dreht der rote Renner die nächste Runde, Blizzard für 18, Cézanne für 19 Cent. Drückt der Bieter Sekundenbruchteile zu früh, zahlt er drauf, kommt er einen Lidschlag zu spät, hat er die Partie von einer Sorte verloren, die vielleicht einer seiner Kunden unbedingt haben wollte. Während der rote Punkt rotiert, erscheinen inmitten des an die Wand geworfenen, wie ein Mühlrad großen Zifferblatts sekundenlang das Foto der Rose, der Name des Produzenten, Angaben über die Länge des Stiels, der Güteklasse, des Schnittdatums. Die Bieter kennen die Namen, trauen den Standards, die von 60 Kontrollinspektoren der Börse ständig überprüft werden. Im Parterre des Saals zieht auf Rollboxen ein endloser Rosengarten mit all den Schönen vorbei, die gerade verkauft werden. Viele Händler bieten noch gleichzeitig über ihre Laptops in anderen Auktionshallen mit. Bei dieser Börsenschlacht mit einer Fußtruppe von täglich 12000 Menschen sind ständig zwei Ärzte in Bereitschaft.

Ohne die Uhren und die beispiellose Logistik von Aalsmeer könnten nicht täglich 19 Millionen Schnittblumen und 2 Millionen Pflanzen umverteilt werden. "Die Black Magic bei der Versteigerung kam aus Afrika", sagt Adriënne Lansbergen, seit 23 Jahren dabei. Sie hat das in einer Minute per Handy ermittelt. "Die Espérance stammte von holländischen Produzenten. Die Freedom bieten wir nicht an." Was von diesen drei Starsorten aus Lateinamerika kommt, holen die deutschen Importeure selber vom Amsterdamer Flughafen ab.