Mit der Frage, was denn das Wesen des modernen Theaters ausmacht, bringt man weder Deutschlehrer noch Literaturwissenschaftler in Verlegenheit. Das moderne Theater, werden sie sagen, nimmt eine Sonderstellung ein: Es ist alles, nur nicht mehr tragisch. Es löst tragische Konflikte auf in postdramatisches Spiel. In der Moderne ist die Gegenwart der Tragödie Vergangenheit.

Das nachtragische Selbstverständnis des modernen Theaters ist in regelmäßigen Abständen stets kritisiert worden, wenngleich mit dürftigen Argumenten. Vor allem konservative Autoren bemängelten, dass das deutsche Theater seit den Zeiten Friedrich Schillers tragische Schicksalsmächte und zeitlose Wahrheiten verleugne. Idealistische Weltverbesserer wie Marquis Posa seien blind für die blutige Realität des geschichtlichen Lebens, für den "Einbruch der Zeit in das Spiel" (Carl Schmitt). Solche Beschwerden waren leicht zu durchschauen. Aus ihnen sprach nicht nur das übliche Ressentiment gegen jede Form moralischer Reflexion. Sie waren auch vernarrt in die vermeintlich ewige Natur von Gewalt, Feindschaft und Macht.

Endlich eine Philosophie des Tragischen ohne reaktionären Ballast

Der in Potsdam lehrende Philosoph Christoph Menke hat mit seinem Buch Die Gegenwart der Tragödie nun einen neuen Versuch unternommen, das Selbstverständnis des modernen Theaters zu erschüttern. Diesmal allerdings könnte der Versuch gelingen. Menke verweist nämlich nicht mehr auf übergeschichtliche Mächte oder das historische "Böse", all das nicht; er schüttelt, wie bereits in seiner Studie Tragödie im Sittlichen, den reaktionären Ballast ab, den eine Philosophie des Tragischen seit Urzeiten mit sich schleppt. Für ihn haben ausweglose Konflikte nichts Metaphysisches, und sie ereignen sich dort, wo es einen solchen Ballast streng genommen gar nicht mehr geben dürfte: im Herzen der aufgeklärten Moderne. Hier, in der befriedeten Arena von Moderation und Spiel, kehrt die Tragödie zurück. Ausgerechnet jene Mittel, die allen Streit spielerisch aufheben sollen, bringen den unlösbaren Streit aufs Neue hervor und enttäuschen die Hoffnung, die Gesellschaft ließe sich in Spiel überführen. Die vergangene Tragödie ist unsere Gegenwart.

Sophokles’ Ödipus ist der erste Held, der die Wiederkehr der Tragik am eigenen Leib zu spüren bekommt und daran zugrunde geht. Warum Ödipus? Menkes Behauptung verblüfft nur auf den ersten Blick, denn tatsächlich schildert Sophokles seine Figur als jemanden, der sich von archaischen Riten abwendet und in Ansätzen bereits ein normatives Bewusstsein entwickelt. Das Urteil, das er über sich spricht, besitzt bereits "rechtsförmigen Charakter". Schuld wird nicht auf einem Sündenbock abgeladen und anonymisiert; es gibt die verantwortliche Tat des identifizierbaren Täters.

Genau dieser Fortschritt von Recht und Reflexion, so lautet Menke These, wird für Ödipus zur Quelle neuer Tragik. Dass sich der "Sterblichsten Unseligster" an rechtlichen Regeln orientiert, gerät ihm zum neuen Fluch. "Indem er über sich urteilt, ja gerade indem er selbst über sich urteilt, bereitet sich Ödipus sein Schicksal."

In Wirklichkeit, schreibt Menke, werde ihm dieses Urteil subjektiv und objektiv nicht gerecht. Ödipus weiß selbst, dass er nicht verantwortlich ist; er kennt alle Argumente, die gegen seine Verurteilung sprechen – und doch muss er sich verurteilen. Dieses Urteil tut den wahren Umständen seiner Tat Gewalt an und zerstört sein Leben. Das heißt, die tragische Ironie des Stücks besteht darin, dass eben jene Mittel einen neuen Fluch heraufbeschwören, mit denen der archaische Bann durchbrochen werden sollte. Die alten Erinnyen kehren in den reflexiven Zwängen wieder. Das Recht löst zwar jenes Leiden ab, das vom rituellen Rachefluch ausging, aber es bringt neues Leiden mit sich.

Mit der Ödipus- Deutung hat Menke seinen Refrain gefunden. Er spielt ihn durch, bei William Shakespeare und Samuel Beckett, Heiner Müller und Botho Strauß. Während Ödipus eine "Tragödie des Handelns" ist, bezeichnet Hamlet eine "Tragödie der Reflexion". Denn um handeln zu können, versucht Hamlet durch Reflexion sicheres Wissen zu gewinnen. Doch das vermeintlich sichere Wissen unterläuft wiederum die Gewissheit, die er braucht, um überhaupt handeln zu können. So gerät er in die tragische Abwärtsspirale der Reflexion. Am Ende zögert er nicht aus Unwissen; sondern er zögert, obwohl er weiß, was er tun soll. Gerade die Kardinalstugenden der neuen Zeit, Reflexion und Wissensdurst, werden ihm zum Schicksal.