Eine tragische Ironie entfaltet auch Becketts Endspiel. Clov will sich von seinem Herrn befreien und verhält sich subversiv zu dessen Sprache. Tragisch, also gegen seinen Willen zerstört der Knecht mit der "Subversion des Sinns" die eigene Orientierungs- und Handlungsfähigkeit. Clovs Befreiung missrät, und das heißt für Menke: Das Stück scheitert inhaltlich, während es ästhetisch gelingt. "Das Endspiel ist ein Spiel vom Scheitern des Versprechens auf eine andere, befreite Praxis durch die Strategien des ästhetischen Spiels." Radikal enttäuscht Beckett die moderne Hoffnung, Kunst und Lebenspraxis ließen sich versöhnen.

Leichtes Spiel hat Menke mit Heiner Müllers Theaterstück Philoktet. Denn wie einst Hegel, so glaubte Heiner Müller, schon eine reflexive Haltung könne den Gordischen Knoten tragischer Verstrickung durchschlagen und den Weg in eine "Utopie einer menschlichen Gemeinschaft" ebnen. Diese Hoffnung erleidet Schiffbruch. Ausgerechnet die Reflexion, also das gemeinsame Nachdenken über richtige und falsche Ziele, lässt zwischen Odysseus und Philoktet einen Streit hervorbrechen, der die tragische Ausweglosigkeit klassischer Helden noch weit überbietet.

Am Ende siegt der ewige Konflikt, die Kunst ist hoffnungslos

Warum das so ist, ist für Menke mit Händen zu greifen. Wie Bertolt Brecht in seinen Lehrstücken, so verkennt auch Heiner Müller die Tatsache, dass jede Orientierung an moralischen Normen und Werten ein "unverspielbares Moment" besitzt, schlichter gesagt: Wer eine moralische Norm vertritt, dem ist es bitterernst. Das Moment an Unbedingtheit, das jedem Ziel und jedem Zweck anhaftet, lässt sich experimentell nicht auflösen. Darum scheitert Heiner Müllers Hoffnung, das Leben der Menschen insgesamt könne so verändert werden, dass das Politische selbst zum Spiel werde – ohne Rückfälle in den tragischen Ernst.

Weniger überzeugend fällt die Deutung von Botho Strauß’ Drama Ithaka aus. Mit der philologischen Feinfräse unterm Arm möchte Menke nachweisen, dass es sich bei dem blutigen Drama um ein Märchenspiel handelt. Entsprechend verteidigt er Ithaka zunächst gegen die Kulturkritik, die Strauß in seinem "zweifelhaften" Essay Anschwellender Bocksgesang formuliert habe. Schließlich nimmt er das Stück gegen Karl Heinz Bohrers "Ästhetik des Bösen" in Schutz, in der das Maß an Blut und Gewalt immer wieder den Wahrheitsgehalt der Tragödie abgibt. Doch um das Stück für seine eigene Tragödientheorie zu retten, muss Menke es gezielt entpolitisieren. Dadurch gerät das dramatische Zentrum von Ithaka ihm aus dem Blick: die ästhetische Imagination, vernichtende Gewalt sei ein Heilmittel gegen den tragikvergessenen Liberalismus.

Nicht nur an dieser Stelle provoziert die wegweisende, äußerst kluge, aber nicht leicht zu lesende Studie einen Einwand. Menke versteht sein Projekt als Aufklärung, das heißt: Er weist zuerst jene metaphysische Deutung des Tragischen zurück, wonach konfliktuelle Gewalt einen positiven, reinigenden Sinn besitzt. Gleichzeitig schreibt er der Moderne ins Stammbuch, sie sei erst dann wahrhaft aufgeklärt, wenn sie ein Bewusstsein von der jederzeitigen Wiederkehr der Tragik entwickle und auf Schritt und Tritt mit ihr rechne.

Welche Bestimmung sich daraus für das theatralische Spiel ergibt, liegt auf der Hand: Die Schaubühne ist keine moralische Anstalt, sondern eine Unterbrechung; sie verkündet keine versöhnende Botschaft, sondern erlaubt uns, Freiheit und Abstand zum unbeendbaren Streit unserer moralischen Konflikte zu gewinnen, um ihren Bann für einen Augenblick zu brechen und ihrer Gewalt zu entkommen.