Völlig zu Recht sind unter Laien Gespräche gefürchtet, die sich unmittelbar an einen Theater-, Kino- oder Opernbesuch anschließen. Was soll man schon sagen, wenn einem das Ganze gefallen hat? Und so sagt man Dinge wie: "Technisch gut gemacht", "mal was andres", "irgendwie ansprechend". Angela Merkel geht es offenbar so ähnlich. Seit Jahren ist sie zu Gast bei den Bayreuther Festspielen, die an diesem Montag wieder beginnen. Als Merkel nach ihren Besuchen befragt wurde, sagte sie: "Das Bühnenbild ist fabelhaft" (2000), "Insgesamt würde ich sagen, es ist interessant und modern" (2004) und über Heiner Müllers Tristan- Inszenierung: "nahezu genial" (2005). Diese Merkelschen Opernkritiken lassen sich auf zwei Arten deuten. Die erste: Sie hat von Opern in Wahrheit gar keine Ahnung und geht dort nur hin, um mit Bildung zu beeindrucken. Die zweite: Ihr gefallen Opern, und weil sie Teil ihres Vergnügens sind und nicht ihrer Arbeit, lässt sie sich von ihren Mitarbeitern auch keine feinsinnigen Kurzkritiken vorformulieren. Für die zweite Vermutung spricht, dass sie – anders als derzeit überall behauptet – nicht nur einmal im Jahr mit ihrem Mann in Bayreuth eine Oper besucht, sondern auch an ganz normalen Wochenenden in Berlin und sich dabei nicht von Fotografen begleiten lässt. Dafür spricht auch, dass sie sonst wenig Scheu hat, sich als Kulturbanausin zu outen: So hat sie zum Beispiel nach eigener Aussage zwischen 1999 und 2001 nur einen Kinofilm gesehen ( Sonnenallee). Wir werden also vielleicht bald von einer Frau regiert, die Wagners Opern tätsächlich mag. Muss jeder selbst wissen, ob das die bessere Nachricht ist.

Matthias Stolz