Am Friedhof des Grenzdorfes Leopoldschlag liegt ihr Grab. Keine Inschrift verrät, woher sie kam und wohin sie wollte. Zeitungen berichteten nur von einer "zierlichen Asiatin". "Die Geschichte ging an meine Grenzen", erinnert sich Franz Grubauer, ein Gendarm, der hier an der tschechisch-österreichischen Grenze seit 1971 seinen Dienst versieht. Aus der Lade des Wachzimmertisches kramt er ein Foto der Toten. Ohne Schuhe liegt sie da im Gras. Schlepper hatten sie bei Unwettern in die Sümpfe des Grenzflusses Maltsch getrieben. Am nächsten Tag lag die Leiche der an Erschöpfung verstorbenen Frau neben einer Tafel mit der Warnung: "Achtung Staatsgrenze".

Wer diese Staatsgrenze, die zugleich Schengengrenze ist, unbefugt übertritt, muss nur rund 50 Euro zahlen. Die Exekutive aber nennt die Grenzgänger "Illegale". Eine Meldung der Gendarmerie: "Vier Illegalen gelang es, den Fluss zu durchschwimmen. Ein Somali ist ertrunken, einer erlitt Erfrierungen. Ihr Verhalten zeigt eine besondere Ignoranz der österreichischen Gesetze." Das österreichische Bundesheer, das noch immer diese Grenze sichert, nennt die Gegend ganz offiziell den "Gefechtsstreifen". Über ihm kreisen "Eulen", wie die Hubschrauber der Grenzschützer genannt werden.

Nicht mehr lange. Vermutlich im Jahr 2007 wird sich die Schengengrenze in Richtung Russland und Ostungarn verlagern. Damit wird auch die abenteuerliche Geschichte einer Schicksalslinie, die noch durch den Eisernen Vorhang geprägt ist, in Vergessenheit geraten. Sie trennte jahrzehntelang Ost von West, und die Wohlhabenden, die drinnen sind, von den vielen Armen, die reinwollen. Menschen riskieren ihr Leben, um diese Linie zu überschreiten. An dieser Grenze trifft man aber nicht nur auf Flüchtlinge, hier haben sich auch Frauenhändler, Schmuggler und Schlepper eingerichtet.

Grenzübergang Wullowitz, Oberösterreich. Ein Dieb blickt aus einer Zelle. Beamte stapeln seine gestohlenen Rasierklingen zu Pyramiden. Draußen Fahrzeugkontrollen. "Das ist Alltag hier", sagt Chefinspektor Franz Grubauer. Touristen durchwinken, nach "Illegalen" suchen. "Früher war hier das Ende der Welt", erklärt sein Kollege, Hauptmann Franz Schmalzer, "als wir Kinder waren, haben wir uns gefragt, wie es wohl auf der anderen Seite des Flusses aussehen mag." In der Chronik der Grenzgendarmerie sind viele Geschichten aus jener Zeit notiert. Eine österreichische Kuh verirrte sich da einmal in eine Kolchose und durfte nicht mehr zurück. Ein anderes Mal – der Grenzfluss Maltsch suchte sich nach Unwettern ein neues Bett – ackerte ein Bauer irrtümlich im Reich des Bösen und wurde verhaftet. Vergilbte Fotos zeigen österreichische Hofräte und kommunistische Generäle, die sobald in dunklen Limousinen vorfuhren, um an der Grenze über seine Freilassung zu beraten.

"Flüchtlinge waren Helden, und wir waren Helfer"

Franz Duschlbauer, einer dieser Grenzbauern, kennt all diese Geschichten. Wenn er rausschaut aus dem Fenster seines Hofes, sieht er hinüber ins Nachbarland. Er lebte jahrzehntelang am Eisernen Vorhang, konnte von seinem Hof aus europäische Geschichte miterleben. Zuerst wüteten die Nazis, und die Tschechen verschwanden. Dann kam "der Russe", und die Nazis verschwanden. Über Nacht standen Hunderte Flüchtlinge aus dem Sudetenland vor seinem Hof, "mit armseligen Wagerln und feschen Ross", wie Duschlbauer erzählt. Dann wurde es totenstill. Der stolze Vierkanter des vertriebenen Nachbarn jenseits der Grenze wurde planiert. Die Kommunisten spannten Drähte, verminten die Felder. Wenn Duschlbauer mit seinem Traktor neben dem Grenzzaun pflügte und hinübergrüßte, wandten sich die kommunistischen Soldaten demonstrativ vom Klassenfeind ab. Nur wenige kamen hier noch durch. Einmal versuchte es ein Liebespaar. Er sei "mit dem Gesicht in den Strom gekommen", erinnert sich Duschlbauer, die Nase sei "weggebrannt" gewesen, gezittert habe er "wie ein Kasperl". Das Liebespaar wurde gerettet und heldenhaft gefeiert.

So sah diese Grenze noch vor 16 Jahren aus – und die Österreicher waren stolz, auf der Seite der Freiheit zu leben. "Flüchtlinge waren Helden, und wir waren Helfer", sagt Chefinspektor Franz Grubauer. Doch als dieser Vorhang plötzlich weg war, "hab ich das nicht verarbeiten können". Es brach "die Rumänenzeit" an, wie Grubauer es nennt. In den Scheunen hätten fremde Gestalten genächtigt, Autos seien aufgebrochen worden, und es seien Menschen aufgetaucht, die völlig anders ausgesehen hätten: Afghanen, Inder, Afrikaner. "Einer hatte seine Füße nur in einen Plastiksack eingewickelt", erinnert sich Grubauer.

Wer den Wullowitzer Grenzbalken passiert, gelangt in das Dorf Dolni Dvoriste. Die Österreicher erzählen, dass man hier in den vielen Kasinos angeblich gratis essen könne. Sogar Tintenfisch. So etwas wie Globalisierung hat sich breit gemacht im Böhmerwald. In den Dörfern halten vietnamesische Gastarbeiter ihre Märkte ab, verkaufen Billigklamotten und Feuerzeuge, die lustige Melodien spielen. Würden nicht die Tschechen aus den Fenstern schauen, man käme sich vor wie in einem südostasiatischen Dorf.