Und haben sie nicht die Welt verändert? Keine High-Tech-Armeen mit Atomraketen waren nötig, um die Anfangskatastrophe des 21. Jahrhunderts zu bewirken, sondern bloß 19 junge Männer mit Teppichmessern. Sicher, das Ausmaß der Zerstörung, welche die Attentate vom 11. September 2001 in New York und Washington anrichteten, haben islamistische Terroristen bisher nicht wieder erreicht. Doch dafür hat die Methode der Männer um Mohammed Atta Karriere gemacht. Das Selbstmordattentat – es steht heute mehr als je zuvor in der Geschichte als sinnbildliche, ultimative Macht der Ohnmächtigen.

Die Londoner Polizei äußert zwar mittlerweile Zweifel daran, dass es sich bei den vier jungen Pakistanern, deren Rucksackbomben am 7.Juli mindestens 56 Menschen in den Tod rissen, tatsächlich um Selbstmordattentäter handelte. Doch selbst wenn die Sprengsätze ferngezündet worden wären, immerhin hielten es auch dann vier junge Männer, aufgewachsen in Großbritannien, für unterstützenswert, Bomben inmitten von Zivilisten zu tragen. Seit die Dschihad-Twens von King’s Cross ausschwärmten, erscheint nicht mehr undenkbar, was unvorstellbar schien. Junge Europäer, die nie Krieg, Unterdrückung oder Vertreibung erfahren haben, empfinden tödlichen Hass auf die westliche Gesellschaft. Doch anders als die menschlichen Cruise Missiles des 11. September erscheinen die Übeltäter aus Leeds als Stellvertreter-Attentäter, als verblendete Sachwalter. Für einen Fanatismus, der nicht ihrer war. Für eine Führungsriege, die mit minimalen Mitteln maximalen Schaden anrichten will. Für eine Frustration, die man ihnen als Unterdrückung verkaufte. Für, letztlich, den herbeistilisierten Widerstandskampf der bedrohten muslimischen Gemeinschaft.

All diese Motive hat es bereits gegeben in der Geschichte des Suizidmordes. Bisher allerdings getrennt voneinander. Als erste regelrechte Selbstmordattentäter galten die Assassinen des 11. und 13. Jahrhunderts. In Syrien und Persien stürzten sich die Mitglieder dieses Kults auf "abtrünnige" Muslime. Die Attentäter, die meist auf offener Straße ihre Dolche zückten, rechneten den eigenen Tod in ihre Taten ein. Sie trieb purer religiöser Eifer. Aus kühler Kriegsökonomie hingegen ließ die japanische Armee 1944/45 etwa 2000 japanische Kamikaze-Flieger auf amerikanische Schiffe niederjagen. Indoktriniert mit Versprechen auf das Paradies, schickte Irans Ajatollah Chomeini in den achtziger Jahren Tausende Kinder-"Märtyrer" als Minen- und Kanonenfutter an die Front zum Irak.

Die zweite neuzeitliche Variante von Selbstmordterrorismus findet ihre Motivation dagegen in persönlicher Demütigung und politischem Umsturzwillen. Interessanterweise ist diejenige Gruppe, die seit Anfang der achtziger Jahre die meisten Selbstmordattentate beging, eine der am wenigsten religiösen. Die Tamilentiger, LTTE, eine national-separatistische Untergrundarmee auf Sri Lanka, verübte bis zum Jahr 2000 insgesamt 168 Selbstmordanschläge. Islamistische Terrorgruppen im Nahen Osten brachten es bis dahin auf zusammen nur 82 – allerdings mit mehr öffentlicher Wirkung als die Tamilen.

Am 23. Oktober 1983 demonstrierte eine Hand voll "Opferbereiter" (Fedadschin) in Beirut, was sie gegen Weltmächte bewirken können. Mit 2,5 Tonnen TNT-Sprengstoff zerstörte ein Lkw-Suizidkommando das Hauptquartier der US-Marines im Libanon. 241 Soldaten starben. Eine zweite Explosion tötete 58 französische Fallschirmjäger. Nach den Blutbädern dauerte es nur wenige Monate, bis die USA, Frankreich und Israel ihre Truppen aus dem Libanon abzogen.

Sei es in Palästina, sei es in Tschetschenien, in Kaschmir oder im Irak, seien es die Hamas, der Islamische Dschihad, die Hisbollah, die Al-Aksa-Brigaden, die "Schwarzen Witwen" oder versprengte Mudschahedin-Guerillos, in militärischen Konflikten finden sich immer mehr Betroffene oder deren Sympathisanten, die bereit sind, ihre Verzweiflung in tödliche Effizienz zu verwandeln. Laut einer Statistik der Universität Chicago hat jede Selbstmordattacke zwischen 1980 und 2001 durchschnittlich 13 Todesopfer gefordert. Dagegen betrug die Todesrate bei herkömmlichen Terrorakten nur ein Opfer pro Anschlag. Zudem gelten Suizidterroristen oft als heldenhafte Märtyrer. Denn mit ihrem Tod zeigen sie – jedenfalls in den Augen ihrer Unterstützer – ein letztes Mal, dass ihre Opfer eigentlich die Täter seien; seht her, sagt gleichsam jeder Selbstmordattentäter im Moment der Explosion, so schlecht habt ihr mich behandelt, dass ihr mich zwingt, mich zu töten. "Werther-Effekt" nennen Psychologen dieses Herostratentum mit Blick auf seine Vorbild- und Ansteckungswirkung.