Vom Tod aus gesehen, erscheint mancher Lebensweg in einem gänzlich neuen Licht. Zumal dann, wenn der Tod unerwartet kommt wie bei ihr. Gerade noch hatte eine Zeitung sie als wichtige Persönlichkeit des Jahrhunderts geehrt, nun plötzlich erkannten alle die lange und sorgsam verborgene Kehrseite der Medaille: dass da ein Mensch permanent die eigenen Grenzen und auch die Grenzen anderer überschritten hatte, eine Tortur für Seele und Leib. Aber nun war es zu spät für die Erkenntnis, zu spät auch für die Frage, ob irgendjemand irgendwann hätte eingreifen können in den fatalen Lauf der Dinge. Doch wer hätte das sein sollen, wenn nicht sie ganz allein? Aber eben das hatte sie ganz offensichtlich nie gelernt: auf sich selbst zu achten und auf die innere Stimme zu lauschen, anstatt immer noch rastloser am Rad zu drehen. Für solche Momente der Muße hatte sie keine innere Stabilität. Woher auch? Als Siebenjährige musste sie den Abschied vom geliebten Vater verkraften, einem Träumer und Klavierspieler, der Frau und Kind verließ und verschwand. Als sie später erkrankte und er sie besuchen wollte, soll sie bei seinem Anblick vor Schreck so laut geschrien haben, dass er gleich wieder verschwand. Die Erfahrung von Verlust und Trennung prägt auch weiterhin ihr Leben. Eine Zeit lang wächst sie bei der geliebten Großmutter auf, dann zieht die Mutter mit ihr zum Stiefvater in eine völlig fremde Umgebung. Das junge Mädchen passt sich scheinbar glänzend an, trägt aus der Schule beste Noten nach Haus, das Abitur meistert sie mit Bravour. Und sie kümmert sich um die Schwester, als ahnte sie, dass auch hier bald ein Abschied naht. Ihre Ahnung täuscht sie nicht, die Erkenntnis daraus fasst sie in die Worte: "Die Qualität des Lebens misst sich nicht in Länge und Zeit, sondern was man ist und was man tut. Eine Woche kann länger sein als ein Jahr".

Das wird fortan ihr Lebensmotto, pusht sie in eine großartige Karriere. Halbheiten und Zweifel kann sie nicht ausstehen, das macht den Umgang mit ihr anstrengend, für Gegner sowieso, aber ebenso für Freunde und Bekannte. Sie sei extrem humorlos gewesen, sagt ihr später jemand nach. Gleichwohl wird ihr offenes Lachen ihr Markenzeichen, es ist nicht von ihr zu trennen. Jedenfalls suggerieren das die vielen Fotos, die halt nur einen Teil der Wirklichkeit zeigen und den andern nicht. Wie es hinter der Fassade aussieht, bleibt der Öffentlichkeit verborgen, vielleicht sogar ihr selbst. Die Signale ignoriert sie: Panikattacken, Schwindelgefühle, Herz- und Schwächeanfälle. Solange sie noch einen Menschen an ihrer Seite hat, der sie in den einsamen Stunden trägt, glaubt sie fest, so lange sei sie unverwundbar. Sie hat diesen Menschen, bis zum Schluss – aber sie täuscht sich, denn jeder kann nur für sich die Verantwortung tragen. Einige von denen, die später ratlos am Sarg stehen, werden das in der Stunde der Trauer erkennen. Zu spät.

Schon ein paar Monate nach ihrem Tod passierte dann, was fast immer passiert, wenn ein Mensch mit Charisma und Begabung vor Erreichen des Rentenalters stirbt. Sie wurde posthum zur Legende. Artikel, Bücher, Theaterstücke, Filme auf der großen Leinwand und im Puschenkino, sogar Opern zeichnen ihr Leben und ihr Sterben nach, mal als geschichtsträchtiges Drama, dann als bemühte Seifenoper, meist als detailfreudiges Psychogramm. Was daran wahr oder falsch ist, bleibt freilich offen. Denn letztlich nimmt sie für immer ein Stück Geheimnis mit ins Grab. Einer ihrer früheren Freunde hat es so auf den Punkt gebracht: "Sie hat geglüht, und wenn man glüht, dann brennt man eines Tages durch."

Wer war’s?

Frauke Döhring

Auflösung aus Nr. 29:

Wilhelm II. (1859–1941) folgte 1888 seinem Vater im "Dreikaiserjahr" auf den Thron. Der Rede- und Reisekaiser verschärfte durch seine unberechenbare Politik und seine oft martialischen Ansprachen die Furcht vor dem industriell erstarkten Deutschen Reich. Den Ersten Weltkrieg wollte er nicht, unternahm aber auch nichts, um ihn zu verhindern. Ende 1918 dankte er ab und suchte Asyl in den Niederlanden, von 1919 bis zu seinem Tod lebte er in Haus Doorn. Das Tagebuch seines Flügeladjudanten Sigurd von Ilsemann zeichnet sein Leben im Exil nach. Der zitierte Psychiater ist Emil Kraepelin, der Politiker Walther Rathenau