Der Showdown hat begonnen. Und dieses Mal ignorieren die Protagonisten sogar den üblichen internationalen Brauch: kein diplomatisches Süßholzraspeln, kein kameradschaftliches Schulterklopfen, kein freundliches Lächeln. Jetzt werden die Colts gezückt und ganze Trommeln böser Worte abgefeuert. Denn es geht um das höchste Gremium der Vereinten Nationen, den Sicherheitsrat, genauer gesagt, darum, ob zusätzliche Länder dauerhaft am New Yorker Hufeisentisch Platz nehmen dürfen.

Deutschland hat seinen Anspruch angemeldet, zusammen mit Indien, Brasilien und Japan. Aber nicht leise und vorsichtig wie früher, sondern selbstbewusst und fordernd, in Gestalt einer handfesten Resolution, über die man möglichst bald abstimmen lassen will. Sie sieht eine Erweiterung von jetzt 15 auf dann 25 Mitglieder vor, sechs von den Neuen ständig, vier auf rotierender Basis. Afrika wäre immerhin mit zwei permanenten Sitzen vertreten, Lateinamerika mit einem. Ein Vetorecht erhielten die Neuen nicht; davon nahm man mangels Unterstützung vor einigen Wochen Abstand.

Dass sich die Vierergruppe derart in Stellung bringt, findet hier und da durchaus Anklang – sogar in Großbritannien und Frankreich –, ruft aber erwartungsgemäß auch die Gegner auf den Plan. Die positionieren sich nun ihrerseits, schmieden Allianzen, spinnen Intrigen, um den Aufstieg von Mittelmächten wie Deutschland und Japan nur ja zu verhindern.

Zu finden sind die potenziellen Querschläger, geografisch betrachtet, überall. Sie kommen aus Asien, vor allem Pakistan, aus Lateinamerika mit Argentinien und Mexiko, aus Europa mit Spanien und Italien. Die ständigen Mitglieder Vereinigte Staaten und China schließlich verspüren ebenfalls wenig Neigung, Privilegien zu teilen. Ihrer aller Agenda heißt schlicht: Obstruktion. Mehr verbindet sie kaum. Ein Alternativprogramm, wie die UN aus der Starre der Nachkriegsordnung befreit werden könnten, haben die Gegner bisher nicht klar und schon gar nicht offiziell präsentiert. Stattdessen kursiert ein "Vereinigt für Konsens"-Papier, das maßgeblich aus italienischer Feder stammt und nur die Zahl der nichtständigen Mitglieder erhöhen will. Das eigentliche Machtzentrum im Rat aber bliebe unangetastet. Pakistan, derzeit besonders eifrig im Kampf gegen die Vierergruppe, mag deren Anspruch lediglich als "Altruismus getarnten Eigennutz" deuten. Warum sonst, fragte dessen UN-Botschafter in der vergangenen Woche erbost, sollten sechs Staaten zusätzliche ständige Präsenz im Rat erhalten, während die anderen 180 Länder um 14 Sitze wetteifern müssten? Antwort: weil der afrikanische Kontinent, um den es im Sicherheitsrat besonders häufig geht, noch keinen permanenten Vertreter dort hat. Auch der Krisenkontinent Lateinamerika bleibt bisher außen vor.

Diesem Mangel trägt der G4-Vorschlag – bei allen Eigeninteressen – durchaus Rechnung. Nichts ist aus deutscher Sicht jetzt wichtiger, als Mitstreiter – oder besser Mitwähler – zu gewinnen. Jede Stimme zählt, 128 werden gebraucht. Dann wäre die notwendige Zweidrittelmehrheit in der UN-Vollversammlung geschafft.

Jedenfalls in Runde eins. Dem hätten selbst die Mächtigsten der Welt wenig entgegenzusetzen, weil die vier Aspiranten in Kenntnis der konkurrierenden Interessen einen raffinierten Vierstufenplan ausgeheckt haben: Erst im letzten Schritt kann ein Veto, das Amerika bereits angedroht, China in den Raum gestellt und Russland nicht ausgeschlossen hat, überhaupt zur Anwendung kommen. Vorher genügt jeweils eine einfache Zweidrittelmehrheit. Zunächst würde in der Generalversammlung die Erweiterung beschlossen (Abstimmung eins), dann käme die Auswahl der Staaten (Abstimmung zwei), gefolgt von der eigentlichen Charta-Änderung (Abstimmung drei) und zuletzt die Ratifizierung in den Mitgliedstaaten. Erst hier wäre die Zustimmung der fünf ständigen Ratsmitglieder erforderlich. In den drei Etappen davor jedoch haben die bisherigen fünf ständigen Mitglieder nicht mehr zu melden als Tuvalu, Fidschi oder San Marino. Bitter für die Großmächte – kühn ersonnen von den Planern.

Sind die drei Runden erst einmal geschafft, lautet ihr Kalkül, dann wird sich in der vierten niemand mehr gegen eine Modernisierung der UN sperren, auch der amerikanische Kongress nicht. Kann diese Rechnung wirklich aufgehen? Ein Blick auf die Ratifizierungsbilanz der USA zeigt, dass man dort schon Harmloseres auf Halde gelegt hat: die Kinderkonvention etwa oder das Landminenprotokoll. Nichtsdestotrotz entbehrt der "diplomatische Viersprung" nicht eines gewissen Charmes, weil er im Moment den einzigen Weg überhaupt zu einer von vielen als notwendig erachteten Reform weist. Alles andere würde am Ende wahrscheinlich nur den Status quo zementieren, den die Staatengemeinschaft übrigens schon vor zehn Jahren, zu ihrem 50. Geburtstag, einmütig als überholt erklärt hat.

Aber, so ist das manchmal, wenn man sich aus der Deckung wagt, die tiefsten Fallen tauchen oft an unvermuteter Stelle auf. Dass die Vereinigten Staaten zögerlich reagieren würden, war abzusehen. Auch Chinas Skepsis gegen einen japanischen Sitz hatte man im Blick. Dass jedoch ausgerechnet jene Ländergruppe, die am meisten von der Veränderung profitieren würde – Afrika –, nun bockt und damit schon Runde eins infrage stellt, damit hatte niemand gerechnet. Nicht nur ein rotierender Sitz für Afrika, nein, zwei sollen es sein! Und das Vetorecht soll, bitte schön, auch für alle neuen ständigen Mitglieder gelten. So sieht es ein eigener afrikanischer Resolutionsentwurf vor, von dem bisher trotz aller Überredungsversuche nicht abgerückt wird. Ohne die 53 Stimmen dieser Regionalgruppe jedoch drohen sich alle Ambitionen der G4 in eine Blamage zu verkehren, denn Afrika verfügt über eine Sperrminorität, kann zwar selbst nichts bewegen, aber alles blockieren. Die Afrikaner werden deshalb von Diplomaten der G4 umgarnt, gehätschelt und bearbeitet. UN-Generalsekretär Kofi Annan, ein gebürtiger Ghanaer, hilft dabei. Doch der Mut bei den Beteiligten sinkt beträchtlich.

Nach außen gibt man sich zuversichtlich, um nur nichts verloren zu geben. Es existierten mehr Gemeinsamkeiten als Differenzen, ließ etwa Außenminister Fischer im Anschluss an ein erstes Treffen mit den afrikanischen Unterhändlern wissen. Wie aber müsste ein Kompromiss aussehen, wenn der eine das Veto verlangt, der andere jedoch darauf verzichtet? Tatsächlichen Verhandlungsspielraum gibt es kaum. Was bleibt, ist eine gewisse Ratlosigkeit und der Appell an die Afrikaner, wenn schon nicht die ganz große, aber doch wenigstens überhaupt eine Reform zu erreichen. Die Alternative jedenfalls hieße: vertagen auf unbestimmte Zeit.

Trotzdem stellt sich die Frage, was die Afrikaner, jetzt, da sie sich öffentlich festgelegt haben, noch umzustimmen vermag. Oder wollen sie in Umkehrung der weltpolitischen Realitäten einfach auch mal Macht entfalten dürfen? Wäre das die eigentliche Motivation für das Festhalten am separaten Resolutionsentwurf, könnte noch einmal Bewegung in die Sache kommen.