Seit London kreisen die Gedanken vieler um die Fragen: Wie konnten diese jungen Männer mitten unter uns zu fanatischen Mördern werden? Vor allem die Niederländer wissen schon länger, wie gut das möglich ist. Sie mussten lernen, dass hier geboren und aufgewachsen nicht bedeuten muss, dass die neue Generation die Werteordnung der Einheimischen übernimmt. Mohammed Bouyeri, 26, der Mörder des Filmemachers und Autors Theo van Gogh, spricht - im Gegensatz zu seinen marokkanischen Eltern - einwandfrei holländisch. Er hat sich als Jugendlicher an Gemeindearbeiten beteiligt, dann aber in kurzer Zeit radikalisiert. Heute hasst er die Niederlande, die Ungläubigen, ihre Werte, Lebensart und individualistische Kultur.

Niemand hat solche Entwicklungen genauer beobachtet und ihre Entstehungsbedingungen besser beschrieben als die holländische Journalistin Margalith Kleijwegt vom Magazin Vrij Nederland. Ein Jahr lang, von 2003 bis 2004, begleitete sie als ständiger Gast eine Schulklasse mit 13- bis 14-jährigen Kindern, und zwar in einem Migrantenviertel in Amsterdam West.

Zufällig war es der Bezirk, in dem auch Mohammed B. aufgewachsen war. Über ihr Jahr an der pädagogischen Problemfront hat sie nun ein Buch veröffentlicht, das in Holland auf Anhieb ein großer Erfolg wurde. Mit Onzichtbare ouders. De buurt van Mohammed B. traf die Autorin einen Nerv: Wer begreifen will, was unter den jungen Migranten los ist, kommt an Unsichtbare Eltern nicht vorbei. Das Buch beschreibt das Viertel des Mohammed B.

(Untertitel), ein Milieu, in dem die Eltern als Autorität keine Rolle spielen, in dem vor allem die männlichen Heranwachsenden begreifen, dass sie in der Einheimischen-Gesellschaft keine wirkliche Chance haben, und sich ihr Ersatz-Selbstbewusstein daher von radikalen Predigern besorgen. Das beginnt früh. An Kleijwegts Schule schrieben Jugendliche nach der Ermordung van Goghs, der Mann habe den Tod verdient: Wir Muslime lassen uns von Ungläubigen nicht mehr beleidigen.

Margalith Kleijwegt hat sehr aufmerksam beobachtet, zugehört und die unsichtbaren Eltern aufgespürt und aufgesucht. In ihrer Klasse hatte nur ein Kind eingeboren-niederländische Eltern. Die anderen verfügten über genau den multikulturellen Hintergrund (Marokko, Türkei, Surinam), der Niederländer aus solchen Vierteln wegziehen lässt. Wegen genau dieser schwarzen Schulen.

Doch das Buch, das diese Wirklichkeit beschreibt, handelt nicht nur von Amsterdam West. Und nicht nur von Mohammed B., der dort lebte. Es gibt viele wie ihn, sagt Margalith Kleijwegt. Vermutet hat sie das schon lange. Bei ihrer Suche nach den unsichtbaren Eltern erhielt sie die Gewissheit.

Margalith Kleijwegt: Onzichtbare ouders