Plattformstrategie heißt eine Idee, die den Automobilbau revolutioniert hat. Das Verfahren ist bestechend einfach und besteht darin, auf einem identischen Fahrzeug-Chassis unterschiedliche Modelle und Karosserien zu bauen. Auf den ersten Blick ist die Verwandtschaft zwischen den Typen nicht zu erkennen; ihr Wesen ist gleich, nicht aber die Erscheinung. Auf derselben Plattform rollt mal ein präpotenter Donnerbolzen, mal eine bräsige Familienkarosse mit Stauraum für einen halben Gesangsverein. Die Plattformstrategie spart nicht nur Geld; sie schafft Optionen, lockt neue Kunden und stellt sie vor die Qual der Wahl. Nischen können geschaffen und neue Konsumbedürfnisse geweckt werden.

"Plattformstrategie" nennt der Soziologe Richard Sennett das Betriebsgeheimnis der gegenwärtigen Politik. Die Programme, die von Parteien wie am Fließband zusammengeschraubt werden, ruhten alle auf demselben Chassis und identischen Prämissen. Unterschiede, so schreibt Sennett in seinem Buch Die Kultur des neuen Kapitalismus (Berlin Verlag), fänden sich einzig und allein im Detail. Oder, auf unsere Verhältnisse übertragen: Durch die deutsche Mitte rollt vorneweg eine schwarze Limousine, gefolgt von einem roten Van, der seine Insassen mit solidarischen Rückhaltesystemen optimal schützt. Dahinter ein blau-gelbes Spaßmobil für Besserverdienende und ein Öko-Auto mit Rapsdiesel. Alle fahren in dieselbe Richtung, doch mit keinem Gefährt scheint ein Kurswechsel, ein politisches Umsteuern, möglich.

Natürlich will Sennett Politiker und Automanager nicht in einen Topf werfen. Ebenso wenig behauptet er, es gebe keine politischen Unterschiede mehr, und es sei einerlei, welcher Partei wir unsere Stimme geben. Aber richtig ist seine Beobachtung, dass sich politische "Designer" schwer tun, überzeugende Alternativen zur Wahl zu stellen. Allesamt predigen sie die Anpassung an die Verhältnisse, alle, auch die neoliberalisierten Grünen, scheinen nur noch einen Weg zu kennen: das investive Kapital herbeizulocken und die Kräfte des Marktes zu stärken. Frei nach Sennett: Was ihre "innere" Plattform angeht, so gleichen sich die Parteien; nur Auftreten und rhetorische Feinabstimmung variieren je nach Lage.

Einen schlagenden Beweis für diese Behauptung liefert gerade die Sozialdemokratie. Sie rumpelt auf der alten Plattform durch das Tal der Selbstbeschädigung und bringt es fertig, dem Wähler weiszumachen, sie habe in voller Fahrt grundstürzende Reparaturen vorgenommen, eisern Kurs gehalten und sei zugleich scharf auf die linke Spur gewechselt. Gerhard Schröder stellt als latenter Wahlkämpfer Forderungen, die ihm als Kanzler manifest den Schlaf rauben. Steuern sollen gesenkt und simultan erhöht werden. Die SPD säuselt von "Kultur", während ihre Bildungspolitik die Universitäten auf eine Weise mit dem Geist von McKinsey vergiftet, wie es die FDP nie vermocht hätte. Und dieselben Linken aus der SPD-Fraktion, die angeblich dem Bundeskanzler übel ins Lenkrad gegriffen haben, dürfen nun seine Wahlwundertüte mit Ideen voll stopfen, die im eigenen Hause vor kurzem noch als sittenwidrig galten.

Die Regierung betreibt Opposition gegen sich selbst, während die Opposition schon Regierung spielt. Auch in Angela Merkels dürftigem Wunsch- und Wendeprogramm sollen Steuern erhöht und gleichzeitig gesenkt werden. Hätte die SPD vor Jahr und Tag die Mehrwertsteuer heraufgesetzt, wäre sie von der CDU/CSU als Konjunkturwürger verdammt worden. Heute erfüllt die CDU die Steuererhöhungsträume der SPD; nun sollen zwei Prozent Mehrwertsteuer Deutschland aus seiner "schwersten Krise" retten. Mit einem Wort: Parteien vervielfältigen nicht nur ihre Optionen, sie tauschen sie untereinander aus. Sie erzeugen optische Alternativen, die real kaum bestehen. Das Wesen ihrer politischen Praxis ist annähernd gleich, nur in ihrem Erscheinungsbild gibt es Unterschiede. Plattformstrategie.

Dass sich Volksparteien immer ähnlicher werden, erscheint vielen als ein ganz neues, dem "Kampf um die Mitte" geschuldetes Problem. In Wirklichkeit ist es älteren Datums. Schon zur Bundestagswahl 1994 stellte der Soziologe Niklas Luhmann eine Beobachtung an, die ihrer Zeit weit voraus war (FAZ vom 22.10.1994). Seine These lautete, dass es den Parteien nicht mehr gelingt, auf grundlegende ökonomische Veränderungen zu reagieren und sie in politische Unterscheidungen zu übersetzen. Das klang harmlos, war aber ausgesprochen brisant. Denn die "grundlegende" Veränderung bestand für Luhmann im rapide wachsenden Einfluss internationaler Finanzmärkte bei gleichzeitigem Zurückweichen der industriellen Produktion. Nicht, dass die Industrie unwichtig geworden wäre; aber sie rückt an die Peripherie, während das Finanzsystem das Zentrum der Gesellschaft besetzt. Das Kapital sucht seine Selbstvermehrung im Luftreich der Spekulation – und weniger auf dem Boden der industriellen Produktion.