Es war wie immer und doch ganz anders auf dem PDS-Parteitag in Berlin: Der zweite Aufbruch, den Parteichef Lothar Bisky beschwor, war wie der erste - schielend. Im November 1989 trennte sich die Partei von der SED-Vergangenheit, aber nicht vom SED-Vermögen - jetzt trennte sich die PDS von ihrem guten Namen - und doch wiederum auch nicht. Nur ein taktisches Manöver, erklärte Gregor Gysi, der historischen Chance geschuldet. Unsere Identität bleibt, und in zwei Jahren werde man dann sehen, ob es wirklich eine Linkspartei geben werde. Wie immer auch das Spiel der Chargen: der zermürbte Hausvater Bisky, der seine Genossen zur Vernunft treibt - der brillante Spitzenkandidat mit der Arie von der geschichtlichen Perspektive und Sarah Wagenknecht mit der Entlarvung des ewig drohenden Sozialdemokratismus. Und dennoch war alles anders.

Denn alles verändert der Erfolg. Auch wenn sich die Delegierten gegenseitig siegestrunken machen, bleibt die Chance nur real. Gysi hat Recht, wenn er die einzigartige Gunst der Geschichte beschwört: Jetzt (endlich) können wir die BRD verändern. Ein zweistelliges Ergebnis für die Linke würde in der Tat das westdeutsche Parteienmuster zerreißen. Mit der WASG hat die PDS zum ersten Mal einen Westdegen, der sticht. Sie wird ihn führen. Und dieser Führungsanspruch wurde auf dem Parteitag unmissverständlich verkündet.

Der Rest ist Rhetorik - die Rede von der wahren Vereinigung, vom Zusammenwachsen, was wirklich zusammengehört. In Wahrheit verbindet die Reformverlierer im Westen und die Vereinigungsverlierergewinner im Osten allein der gemeinsame Gegner, der weltweit agierende Neoliberalismus. Wir sind zum Erfolg verurteilt, erklärte Bisky. Die PDS ist allemal clever genug, um programmatische Kleinkriege stillzustellen. Es gilt die Parole Getrennt kämpfen und vereint siegen. Mit der WASG ist die PDS endlich die linken Westsekten los und kann in Gruppen von frustrierten Sozialdemokraten und Gewerkschaftern einbrechen. Im Übrigen bleibt sie eine fest organisierte ostdeutsche Volkspartei mit einer starken kommunalpolitischen Basis, die im Zweifelsfall Realpolitik in der Regierung und sozialistische Perspektive mühelos koordinieren kann. Die WASG-Genossen dürfen am Ende dann beitreten.

Aber jetzt gilt für beide Formationen, für die Sozialstaatspartei (West) und für die Partei auf der Suche nach dem modernen Sozialismus (Ost): Begeisterung ist Pflicht. Nichts darf sie gefährden.