Käpt’n Blaubär schaut einen an. Er prangt auf dem Hemdkragen von Susann Worschech. Ein Button. Es ist die bekannte Puppenfigur aus dem Fernsehen, der Bär, der seinen Neffen Abenteuergeschichten erzählt. Lügen, um genau zu sein. Er sei ihr Vorbild, sagt die 25-jährige Grünen-Politikerin und lacht. Wegen seiner Überzeugungskraft. Die brauche man in der Politik. Die Lügen natürlich nicht.

Vor ein paar Tagen, auf dem Parteitag der Grünen am 10. Juli, da hat die Studentin der Sozialwissenschaften beinahe den Spitzenkandidaten Joschka Fischer vom Sockel gestürzt. Mit einer blendenden Rede. Sie trug den Antrag V 02 des Kreisverbands Pankow vor. Neben Fischer müsse auch eine Spitzenkandidatin aufgestellt werden, donnerte sie ins Mikrofon. Fischer allein, das gehe nicht. Das verlangten schon die Statuten. Und überhaupt, man müsste Angela Merkel doch etwas entgegensetzen. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass Susann Worschech eine Rede auf einem Parteitag hielt. Sie sorgte für Aufsehen. Die Parteispitze war entsetzt. Denn hätte ihr Antrag eine Mehrheit gefunden, der Wahlkampf-Auftakt wäre vermasselt gewesen, Fischer und der Parteivorstand diskreditiert. Die profiliertesten Grünen-Frauen sprangen sogleich für Fischer in die Bresche. Renate Künast, Verbraucherministerin, die gern Spitzenkandidatin geworden wäre, sagte, es sei "taktisch und strategisch richtig, auf unseren stärksten Mann zu setzen"; Bärbel Höhn, bis vor kurzem Umweltministerin in Nordrhein-Westfalen, fand, es gebe "Situationen, in denen es Sinn macht, von Prinzipien abzuweichen", und Claudia Roth behauptete, sie habe "nicht das Gefühl, dass die Frauen zu kurz kommen." Am Ende wurde der Antrag mit Zweidrittelmehrheit abgelehnt.

An diesem sonnigen Nachmittag auf der Terrasse der Ankerklause, einer Kneipe am Rande von Berlin-Neukölln, ist die Aufregung, die Susann Worschech auf dem Parteitag ausgelöst hat, in weite Ferne gerückt. Hin und wieder tuckert ein Touristendampfer auf dem Landwehrkanal, aus sicherer Entfernung passieren Rentner Berlins Problembezirk. Er ist zu Susann Worschechs Wahlheimat geworden, seit einem Jahr lebt sie hier. Die ersten Gäste in der Ankerklause sind bereits von Kaffee auf Bier umgestiegen, ein Punk liest Zeitung, mittelalte Frauen mit kämpferischen Kurzhaarfrisuren trinken ihre Milchkaffees. Susann Worschech trinkt Limonade, sie sagt: "Gegen Fischer habe ich nichts." Der sei ein guter Außenpolitiker und habe eine spannende Biografie. Nur eines ärgere sie, dass man sich nicht an die Spielregeln gehalten habe. "Denn wozu haben wir die Statuten? Wir quotieren jede Redeliste, auf jeden ungeraden Listenplatz kommt eine Frau, nur bei Fischer machen wir eine Ausnahme."

Die Parteispitze hat nach der Neuwahl-Ankündigung in der Berliner Wohnung der Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt beschlossen, Fischer zum alleinigen Spitzenkandidaten zu küren. Der Parteirat segnete den Beschluss ab, die Basis wurde nicht gefragt. "Und dabei stehen die Grünen doch für eine ehrliche Politik. Wir sind eine Partei mit hohem moralischen Anspruch", sagt Susann Worschech.

Sie ist erst seit einem Jahr Mitglied bei den Grünen. Dem Kreisverband Pankow gehört sie gar nicht an, aber die Leute dort fanden ihre Idee gut und stellten auf dem Parteitag den Antrag für sie. Vor allem engagiert sie sich in der kleinen Berliner Arbeitsgemeinschaft Frieden und Internationales. Begeistert spricht sie von den Verzweigungen der grünen Parteiwelt, von LAGs und BDKs, von Landesverbänden und Ausschüssen. Sie passt gut hierher, in die Ankerklause, in das westdeutsche, linksalternative Milieu, das sich hier trifft. Nur dass es heute so müde wirkt: Nach Grundsatzdebatten verstummt, von Beziehungsexperimenten lädiert, von Protestaktionen ermattet.

Spricht Susann Worschech, dann erscheint die grüne Fundi-Welt wie eine Neuentdeckung. Sie verstehe nicht, wie man ein Auto besitzen könne. Und diese Autotests in der ZEIT, man solle lieber mal Fahrräder testen! Sie sei "sehr moralisch und sehr gläubig". Deshalb ist sie für Gemüse aus ökologischem Anbau und fair gehandelten Kaffee. Und eine faule Entschuldigung sei es, da immer auf den leeren Geldbeutel zu verweisen, das kriege sie selbst als Studentin hin.

Aufgewachsen ist Worschech in Wernigerode in Sachsen-Anhalt. Dort sind die Grünen im Landtag nicht vertreten, in den neuen Bundesländern konnten sie sich bisher kaum profilieren. An die Bürgerrechtsbewegung, die sich nach der Wende den Grünen anschloss, erinnert fast nur noch der Parteinamenzusatz "Bündnis 90". Wie gelangte Susann Worschech ausgerechnet zu den Grünen?

"Das war beim Bundeswahlkampf 2002, als Stoiber Kanzler werden wollte. Wenn Stoiber Kanzler wird, dachte ich, dann wird alles den Bach runtergehen."