Dass Countrymusik der Blues des weißen Mannes sei, ist eine viel vertretene These, die gewiss einmal musikhistorisch erhärtet werden wird (oder auch nicht). Wie stark das Genre dagegen zur Zivilisierung männlichen Weltschmerzes beigetragen hat, wird immer noch gern übersehen. Man denke nur an Elvis Costello, der sich auf diesem Wege vom rachsüchtigen Misogynen zum kreglen Allround-Songwriter entwickelte. Oder auch an Wiglaf Droste: Was offenbart sich plötzlich für ein zarter Mensch, wenn er mal nicht Polemiker sein muss, sondern mit seinem Spardosenterzett als ostwestfälischer Crooner brilliert! Frank Black alias Black Francis hat es offenbar kurz vor seinem Vierzigsten erwischt: eine Country-'n'-Soul-Platte, straight from the heart.

Wie immer in solchen Fällen ist die Geschichte in unterschiedlichen Varianten überliefert, deren eine besagt, er sei mit einer Plastiktüte voll Songs unterm Arm nach Nashville gezogen. Die andere, von ihm selbst in die Welt gesetzte, will von Ehekrisen, Scheidung und Neubeginn wissen - was einem um die Lebensmitte herum eben so passieren kann. Hören kann jeder, dass von den Gefühlseruptionen seiner früheren Band, den Pixies, die im vergangenen Jahr zu einer ebenso einmaligen wie umjubelten Reunion-Tournee zusammenfanden, noch weniger geblieben ist als vom Rumpelcore des Teilzeitprojekts Frank Black and the Catholics. Honeycomb ist eines jener Alben, die entstehen, wenn Jugendverschwender größeren Stils plötzlich erkennen, dass sie auch nicht jünger werden.

Manche treten in solchen Situationen die Flucht nach vorn an, andere ziehen Gewinn aus der Tatsache, dass es vor ihnen schon Musik gab. Black hat sich mit den Granden der Americana-Tradition ins Studio begeben. Wahrscheinlich kann man gar nichts falsch machen, wenn legendäre Typen wie Steve Cropper oder Spooner Oldham um einen sind, die hier und da einen Lick springen lassen. Bewunderung nötigt erst die Art und Weise ab, wie die milde Asozialität des Mannes lebens-, natur- und kulturbejahend gewendet wird.

Violet zum Beispiel ist eine absolut krokodilstränenfreie Liebeserklärung an die derzeitige Lebensabschnittsbegleiterin. Und Sunday Sunny Mill Valley Groove Day, eine Leihgabe des großen Doug Sahm, preist den jungen Morgen, der über der Bucht heraufzieht.

Nur Unbedarfte sprechen dabei von Kitsch. Wahr ist, dass Country als überlieferte Form die Ungebärdigen singend macht, indem er ihnen ein Gefäß für die heimlichen Regungen ihrer Seele zur Verfügung stellt. So hätte Homer geklungen, wäre er ein Countrysänger gewesen - wobei ja nicht ausgemacht ist, ob nicht auch die Odyssee als ausufernde, an griechischen Lagerfeuern erzählte Westernballade verstanden werden muss. Hier wie dort geht es ums Hinausziehen, Bestehen und Heimkehren, und hier wie dort muss der Held am Ende sein schwerstes Abenteuer bestehen: das Dableiben. I let snow fall on a frozen yesterday, I burn today, I burn today, singt der schwarze Frank.

Gelegentlich soll so etwas sogar Frauen gefallen.

Frank Black: Honeycomb (Cooking Vinyl/ Indigo 0406010232-837740)