In den letzten Jahren gab es ihn noch, den Typus des taktlosen Touristen. Er hielt sein sonnenverbranntes Gesicht in die Kamera, wo immer gerade ein Urlaubsziel von Anschlägen erschüttert worden war. Im Hintergrund eilten Helfer umher, er aber maulte: über das Hotelzimmer, das er wechseln musste, über die Behörden, die versagt hätten, über den Anblick von Toten und Verletzten. Warum er noch bleibe, fragte der Reporter verständnislos. Und der Tourist sagte, er habe doch schließlich dafür bezahlt.

Möglich, dass es schon damals nicht viele dieser Menschen gab, dass die Fernsehteams sich die borniertesten Urlauber herauspickten, die sie fanden. Aber der taktlose Tourist hatte seinen Platz in den Nachrichten, denn wir wollten ihn sehen. Er verkörperte das, was wir an uns als Reisende nicht mögen: die Bereitschaft "abzuschalten", das wahre Leben im Ferienparadies einfach zu ignorieren. Hatten uns die politischen Verhältnisse in Tunesien, in der Türkei, auf Bali interessiert, ehe dort Ausländer starben? Hatten wir die Vorzeichen leichtfertig übersehen? In diesem Sommer präsentieren uns die Medien keine taktlosen Touristen mehr. Die Ägypten-Urlauber, die jetzt in den Nachrichten sind, wirken mitfühlend und vernünftig. Sie demonstrieren gemeinsam mit dem Hotelpersonal gegen den Terror und gehen dann zurück an den Strand. Oder hat sich nur unser Blick geändert? Nehmen wir den Italiener in der Badehose, der sagt: "So etwas kann überall passieren." Früher hätten wir darüber den Kopf geschüttelt. Heute denken wir, der Mann hat Recht. Die Umwertung des Urlaubers kam mit dem Tsunami. Dem Reflex, schon aus Pietät abzureisen, traten die betroffenen Länder in aller Deutlichkeit entgegen. Sie wollten keine Spenden, sondern Gäste - gerade jetzt. Fortan war kaum mehr zu sagen, was einen Urlauber im Krisengebiet ausharren ließ: Dickfelligkeit oder Verantwortungsgefühl. Es rückten Reisende ins Fernsehbild, die über diesen Zwiespalt sprachen. Empörte Simpel wurden nicht mehr gebraucht.

Terror ist keine Naturkatastrophe, doch die Reaktionen sind diesmal ähnlich. Die allermeisten Urlauber wollen in Ägypten bleiben, und manche von ihnen bezeichnen das als einen Ausdruck ihrer Solidarität. Vielleicht haben sie Recht. Anschläge in Feriengebieten setzten bis jetzt immer die gleiche Ereigniskette in Gang: In den Herkunftsländern der Touristen wird berichtet. Die Behörden warnen. Das Urlaubsland gilt plötzlich als unsicher. Die Touristen bleiben weg. Die Wirtschaft leidet, was die Regierung schwächt. Dann gelingt es ihr entweder, das internationale Vertrauen allmählich wiederherzustellen - so wie Ägypten nach den Attentaten von 1997 -, oder das Land fällt, wie Tunesien, dauerhaft zurück.

Die westlichen "Kreuzritter" vertreiben und damit das "gottlose Regime" bestrafen - das wollten, wenn das erste Bekennerschreiben echt ist, auch die Mörder von Scharm al-Scheich. Doch dabei stehen ihnen ausgerechnet die Attentate ihrer Gesinnungsbrüder in Europa im Weg. Stellen wir uns einen Briten vor, der in die Naama-Bucht gekommen ist, um sich vom Schock der U-Bahn-Anschläge zu erholen. Er sitzt in der relativen Sicherheit seines Resorts und erfährt, dass draußen Bomben detoniert sind. Er erfährt aber auch, dass zur gleichen Zeit in London neue Sprengsätze gefunden wurden und dass Polizisten einen Unschuldigen erschossen. Es wird ihn erschrecken. Er wird aber auch zu der Einsicht kommen, dass eine Reise in den Nahen Osten nicht riskanter ist als der Weg zur Arbeit.

Angst verbreiten ist kein Selbstzweck, nicht einmal für Terroristen. Doch wenn es bei den Anschlägen von Scharm al-Scheich darum ging, die Europäer zu verjagen, dann sollte man ihnen nicht zugleich bedeuten, dass es gar keinen Zweck hat zu fliehen. Die so geschürten Ängste heben sich auf. Und mehr noch: Es sieht danach aus, als gewöhnten sich die Reisenden langsam an die unentrinnbare Bedrohung. Man sieht in den Nachrichten einen neuen Typus: den tapferen Touristen. Er blickt niedergeschlagen, aber gefasst in die Kamera und sagt: Jetzt erst recht. Es ist womöglich der gleiche Tourist, über den wir vor ein, zwei Jahren noch den Kopf schüttelten, und seine Beweggründe sind nicht nobler geworden. Aber die Stimme des Reporters klingt anders, wenn er ihn befragt, respektvoll. Der tapfere Tourist steht für das, was wir an uns als Reisenden mögen: unsere Anpassungsfähigkeit. Mancher darf jetzt ein bisschen stolz auf sich sein beim alten Urlauberabschiedsgruß "Wir kommen wieder".