Lebenslänglich. In den Niederlanden bedeutet dieses Urteil Gefängnis bis zum Tod. Für Mohammed Bouyeri, den Mörder des Regisseurs Theo van Gogh , den das Bezirksgericht Amsterdam an diesem Dienstag verurteilte, bedeutet es auch: Ausschluss aus der niederländischen Gesellschaft, Ausschluss aus "unserer Demokratie". So hat es Staatsanwalt Frits van Straelen in seinem Plädoyer gesagt: "Der Verdächtige verwirft unsere Demokratie. Er will unsere Demokratie selbst bekämpfen. Mit Gewalt. Darauf muss kraftvoll reagiert werden, indem er gesetzlich aus unserer Demokratie ausgeschlossen wird."

Harte Worte in einem Land, in dem Kompromiss und Toleranz alles sind. Sie sagen viel aus über den Attentäter des 2. November. Und über die Niederlande.

Bouyeri entspricht dem Idealtypus des Terroristen, den der französische Islamexperte Oliver Roy einen "Bekehrten" nennt . Als Kind marokkanischer Einwanderer wuchs Bouyeri in einem Arbeiterviertel Amsterdams auf, inmitten von Armut, Kleinkriminalität und Gewalt. Aber im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen, die die größte Gruppe unter den jugendlichen Straftätern Hollands stellen , gelang ihm der soziale Aufstieg. Bouyeri schloss die Schule ab, studierte zeitweilig, arbeitete in einem Stadtteilzentrum mit, organisierte ehrenamtlich Fußballspiele. Höflich, aufmerksam, engagiert sei er gewesen, sagen die Nachbarn.

Wurzellos, sagen Freunde. Drei Jahre vor dem Mord starb Mohammeds Mutter; ein tiefer Einschnitt für den damals 24-Jährigen. Kurz darauf landete er nach einer Schlägerei im Gefängnis. Dort soll der erste Kontakt zu muslimischen Extremisten entstanden sein. Dann wurde seine Schwester unverheiratet schwanger. Antworten auf seine Lebensfragen fand Bouyeri in einer Moschee, in der extremistisches Gedankengut verbreitet wird. Im Gegensatz zu vielen traditionellen Moscheen wird hier Niederländisch gesprochen - die einzige Sprache, die Einwandererkinder einigermaßen verlässlich verstehen.

Dort traf Bouyeri auf neue Vorbilder wie die islamistischen Terroristen Mohammed Atta, Zacharias Mussawi und Kamel Daoudi, die nicht in Ägypten oder Marokko, sondern in westlichen Großstädten "erweckt" wurden. Er brach mit seiner Familie, und zunehmend empfand er die ihn umgebende Gesellschaft als feindlich gesinnt. Ins Zentrum seines Hasses rückte die aus Somalia stammende rechtsliberale Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali , weil sie "die Wahrheit kennt, ihr aber nicht folgt". Stellvertretend für sie musste van Gogh sterben, durch eine rituelle Hinrichtung mit fünf Kugeln, einem Krummschwert und einem Messer.

Islamistischer Terror. Er traf einen Einzelnen, nicht Tausende wie in New York, nicht so viele wie in Madrid, London, Scharm al-Scheich. Doch im Gegensatz zu den Londonern blieben die Amsterdamer nicht trotzig-gelassen. Schreiend und trommelnd zogen sie am Tag nach dem Mord durch die Straßen. Dann folgten zwei Wochen, in denen Brandsätze auf Moscheen und Islamschulen flogen. Eine über Jahre hinweg aufgestaute Wut brach sich Bahn.

Dahinter steht die tiefe Angst der Niederländer davor, ihre Identität zu verlieren. Denn der Mord an van Gogh rührt noch weit mehr als das tödliche Attentat auf den Rechtspopulisten Pim Fortuyn vor drei Jahren an ein Kernelement des niederländischen Selbstverständnisses: die Toleranz. Der gemeinsame Grundkonsens über Freiheit, Toleranz und Gewaltlosigkeit ist gestört. Nach dem Tod van Goghs sagte der Schriftsteller Harry Mulisch, die friedlichen und liberalen Niederlande gebe es nicht mehr, es sei "kalt" geworden in Holland.

Seit der Gründung ihres Staates haben die Niederländer die Erfahrung gemacht, dass in einer Gesellschaft, die sich aus Gruppen unterschiedlicher Prägung zusammensetzt, keine absoluten Wahrheiten gelten können. Seither gelten einige einfache Lebensregeln: Alles ist erlaubt, solange es den Nachbarn nicht belästigt. Probleme werden so lange diskutiert, bis sie gelöst oder im Fluss der Zeit verschwunden sind. Gesellschaftlichen Konfrontationen weicht man so weit wie möglich aus. Auf diese Weise integrierte das Land über Jahrhunderte hinweg Neuankömmlinge, die üblicherweise einen Ort suchten, an dem sie in Freiheit ihre Religion und Weltanschauung leben konnten. Und die Bürgergesellschaft öffnete auch jenen Menschen eine Hintertür, die sich durchaus nicht an die Gesetze halten wollen.