Doch die Gewalt, die von Bouyeri und seinen Anhängern verübt wird, richtet sich nicht darauf, Gesetzen auszuweichen oder eine Nische für die eigene Identität zu finden. "Der Staat hat (für Islamisten) nicht die Aufgabe, soziale Gerechtigkeit und die Einhaltung der Gesetze sicherzustellen, sondern, notfalls mit Gewalt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit die Gläubigen das ewige Leben erlangen", schreibt Roy. Das rüttelt an den Grundfesten eines Landes , in dem der Staat über Generationen dazu diente, jeder der vielen religiösen Gruppen den nötigen Raum dafür zu schaffen, auf die eigene Art selig zu werden.

Der Schock sitzt besonders tief, weil die niederländische Geschichte im Gegensatz zu der ihrer Nachbarländer kaum gesellschaftliche Brüche enthält. Selbst als die Stürme der Achtundsechziger durch Westeuropa tobten, spürte Holland eher eine lang anhaltende Brise. Offenbar findet hier sogar Polarisierung im Konsens statt. Deshalb haben die Niederländer auch keine Erfahrung mit dem Terrorismus. Der einzige Vorfall vor dem Fortuyn-Mord war 1975 der Überfall extremistischer Molukker auf einen Zug und das indonesische Konsulat in Amsterdam. Nach mehrtägigen Verhandlungen gaben die Täter auf. Von den Niederländern wurden die Überfälle nicht als Terrorakte, sondern als letzter Ausschlag ihrer Kolonialgeschichte empfunden. Im gesellschaftlichen Bewusstsein hinterließen die Ereignisse keine bemerkenswerten Spuren.

Während zur selben Zeit die Action Directe, die Rote Armee Fraktion, die IRA oder die Roten Brigaden ihre Länder dazu zwangen, wehrhafte Demokratie zu werden, blieben die Holländer Zaungäste. Dieser Mangel an Erfahrung erklärt auch, warum geheime Polizei-Dossiers des Inlandgeheimdienstes AVID in den Briefkästen mutmaßlicher Islamisten landen konnten und warum Bouyeri den Behörden als gewaltbereiter Extremist bekannt war, aber nicht beobachtet wurde.

Der Mord an van Gogh hat dem niederländischen Rechtsstaat einen schweren Schlag beigebracht, sagte Staatsanwalt van Straelen zu Recht. Die Niederlande werden ihr Verständnis von Toleranz und Freiheit neu definieren müssen.