Schon wieder die Lederhose, jeden Tag die Lederhose, wie ich sie gehasst habe! Sie glänzte schlammgrün und war steif wie eine Pickelhaube; sie hatte keine Herzchentaschen, nicht mal ein Hirschgeweih auf der Brust. Aber robust und abwaschbar war die Hose, denn meine Mutter hatte verständlicherweise keine Lust, jeden Tag die Löcher in Blusen und Röcken zu stopfen für ihre andauernd verdreckten oder verletzten Straßenkinder.

Kühle Erde auf der Haut. Der Duft nass geregneten Asphalts. Das Kratzen rauer Baumrinde in den Handflächen. Steinchen in den Fußsohlen, Fahrtwind in den Haaren: am intensivsten erwacht jedes Mal mein Körpergedächtnis, wenn ich mehr als drei Jahrzehnte nach dem Wegzug aus der Kindheit den Noelleweg wieder besuche, mitten im Zentrum der sauerländischen Kleinstadt Lüdenscheid, die, worauf sie stolz ist, wie Rom auf sieben Hügeln liegt.

Die folglich ziemlich steile Sackgasse mit kleinbürgerlichen Einfamilienhäusern könnte unauffälliger kaum sein, man ist dort Arzt, Apotheker, Prokurist, Beamter, oder "Fabrikskenbesitzer", wie mein Vater einer war. Aber für uns war sie ein weites Feld für Streifzüge und Fahrradjagden, für Sprünge in tiefe Laubhaufen oder die stundenlange Suche nach Eicheln auf allen vieren, bis die Knie grasgrün waren. Und immer, wenn ich dort bin, spüre ich wieder die Holzsplitter in den Knien, die zerkratzten Ellenbogen, Stirnbeulen und schmerzvibrierenden Musikknochen nach tausend Stürzen und Flügen.

Kinder treffen sich nur noch auf Verabredung

Die Stolpersteine und scharfen Hydrantenkanten sind noch immer da, die uns die Härte des Daseins lehrten. Doch von der Gassen- und Gartenlandschaft, vom Frei- und Spielraum ist nicht viel geblieben – auch wenn jetzt unten bei der Einfahrt ein Schild "Spielstraße" steht.

Dass Deutschland überaltert, treibt ja mittlerweile alle um; alle reden, endlich, über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und woher das Geld dafür kommen soll. Aber kaum jemand redet darüber, wie die Kinder aufwachsen, die gekriegt werden; zum Beispiel über das Verschwinden freilaufender Streuner aus der Öffentlichkeit und die Beschneidung ihrer Bewegungsmöglichkeiten in zugebauten Siedlungen. Warum Jungen und Mädchen heute kaum mehr 15 Stunden in der Woche draußen sind, nicht mal halb so lange wie vor 30 Jahren: die Verwandlung meiner Straße in den letzten Jahrzehnten liefert ein paar Indizien dafür.

Raus! In den Sechzigern gab es nachmittags außer Klavierüben nur diesen einzigen Tagesordnungspunkt. Bei jedem Wetter: raus aus dem Blick- und Kontrollfeld der Eltern (obwohl doch sonst alles noch so autoritär im Griff war). Bis wir abends unter die Dusche kamen.

Dazwischen lag die Straße als planungs- und pädagogikfreie Zone. Denn dort lernten wir nicht mehr bloß von Eltern und Lehrern, sondern vor allem voneinander; dort unternahmen wir Erkundungen quer durch die Nachbargrundstücke und, verbotenerweise, darüber hinaus. Auch in unsere Möglichkeiten oder ins Scheitern, ob als Rollschuhrennstars in der Garageneinfahrt oder als Zirkusdirektoren und Lederhosen-Primaballerinen auf dem Wendeplatz. Mal als Anführerin, mal als Underdog. Wie aus der Zeit gefallen. Großer Schreck, wenn meine Mutter uns in die Realität zurückpfiff. Sie lebt noch dort, umgezogen in eine Wohnung, die gleich neben unserem früheren Haus liegt. Ich besuche sie ziemlich oft. Eine spielende Bande auf der Straße sehe ich so gut wie nie.