Wählen Ostdeutsche anders als Wessis? Sicher. Sind die Probleme in Ostdeutschland akuter als im Westen? Bestimmt. Braucht es deshalb einen spezifischen Ostwahlkampf? Nein.

Natürlich haben diejenigen Recht, die einen speziellen Wahlkampf für Ostdeutschland für Unsinn halten; jedenfalls, wenn es um die realen Probleme des Landes geht: die hohe Arbeitslosigkeit, die in Mecklenburg ebenso herrscht wie im Ruhrgebiet, die Strukturschwäche mancher Regionen, schwächelndes Wirtschaftswachstum und die Haushaltsnöte von Kommunen und Ländern. Auch ist "Ostdeutschland" längst kein geschlossener Raum mehr, verstehen sich Mecklenburger als Norddeutsche, wollen erfolgreiche Sachsen und Thüringer nicht mit der "kleinen DDR" in Brandenburg in einen Topf geworfen werden. Und überhaupt: Würde irgendjemand einen anderen Wahlkampf für Bremen fordern, weil das Land im Pisa-Test im Vergleich zu Bayern scheiterte?

Ausgerechnet Angela Merkel, die Vorsitzende der CDU und damit der Partei, die ihrem Selbstverständnis nach für die deutsche Einheit steht, hat nun, sozusagen von höchster Stelle, die offenbar immer noch vorhandene Spaltung Deutschlands festgestellt. Der Süddeutschen Zeitung hatte Merkel gesagt, es sei "für uns auch wichtig, nicht über die Köpfe der Menschen hinwegzureden, sondern die Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen". Deshalb sei der Wahlkampf im Osten "in Teilen anders" und die Politik der Union müsse sich "an den unterschiedlichen Bedingungen in ganz Deutschland ausrichten".

Ein grobes Kommunikationsversagen. Dass Merkel ihre These schon einen Tag später in einem zweiten Interview wieder zurücknahm, macht es kaum besser. Der Financial Times Deutschland sagte Merkel am Donnerstag: "Wir führen einen Wahlkampf für ein ganzes Land." Einen Ostwahlkampf werde es nicht geben, wohl aber solle es im Osten erweiterte Handlungsspielräume für die Politik geben.

Dennoch zeigen sich längst nicht alle CDU-Politiker einer solchen Wahlkampfstrategie abgeneigt. So sagte beispielsweise der sächsische CDU-Generalsekretär Kretschmer, es müsse auf die spezifische Situation in Ostdeutschland eingegangen werden. Die Ansprache und die Schwerpunkte müssten anders sein als im Westen.

Die Christdemokraten spüren, dass sie es in den beiden deutschen Teilen mit unterschiedlichen Gegnern zu tun haben: Im Westen mit dem rot-grünen Lager, im Osten mit der PDS respektive Linkspartei. Und wie Gerhard Schröder 1998 die Wahl im Osten gewann, könnte der CDU eine schwarz-gelbe Mehrheit in den neuen Bundesländern verloren gehen. Es geht also eher um einen Sonderwahlkampf gegen Links als einen Ostwahlkampf.

Dennoch: Vierzig Jahre marxistisch-sozialistischen Diskurses haben ihre Spuren im politischen Denken der Menschen hinterlassen, die sich nicht ohne weiteres wegwischen lassen. Zumal nach der Erfahrung des Scheiterns, die fünfzehn Jahre Arbeitslosigkeit, ABM und Sozialhilfe für viele mit sich gebracht haben. Sozialistische Sinnsprüche über kapitalistische Ausbeuter bekommen nach solchen Lebenserfahrungen einen ganz neuen Klang.