Eine demokratische Wahl stellt man sich im besten Fall so vor: Der Bürger studiert Parteiprogramme sowie vermittelnde und kommentierende Medienberichte über die Ziele der einzelnen Parteien gewissenhaft. Er entscheidet anhand der Sachfragen, welche Partei er für das Land und seine persönliche Situation bevorzugt - und wirft sein Zettelchen in die Urne. Ganz einfach.

Doch so läuft das nicht. Wir empfinden Sympathie und Antipathie für unsere Politiker - und können uns bei der Wahlentscheidung davon nicht freimachen. Wir entscheiden aufgrund von bestimmten Ängsten und Hoffnungen, die nicht immer rational zu begründen sind. Wir verbinden mit einer Partei Tugenden oder Sünden, ohne dass wir dazu Parteiprogramme lesen würden. Die Fehlleistungen der Partei, die wir mögen, vergessen und verzeihen wir schnell. Die der anderen erinnern wir lange. Offensichtlich werden Sachfragen in den Entscheidungsprozess nur am Rande einbezogen.

Eine interdisziplinäres Forscher-Team aus Politikwissenschaftlern, Psychologen, Soziologen und Kommunikationswissenschaftlern geht noch weiter: Wahrscheinlich sind nicht einmal gesellschaftliche Veränderungen oder das Gefühl, benachteiligt zu werden, wesentlich beteiligt am Wahlverhalten eines Menschen. Die Persönlichkeit spielt eine große Rolle schon bei der politischen Grundhaltung. Persönlichkeitseigenschaften wirken darauf ein, wie sehr man sich mit einer bestimmten Partei identifiziert, wie man auf politische Streitfragen beispielsweise auf den Irak-Krieg reagiert oder auf das so genannte Attraktionsparadigma - Es besagt: Ich mag Menschen mit ähnlichen Meinungen, Einstellungen und Interessen. Die Persönlichkeit hat auch Einfluss darauf, ob eine Person überhaupt zur Wahl geht.

2.500 Interviews haben die Wissenschaftler geführt, sie fragten Eigenschaften und politische Präferenzen und Einstellungen ab. Persönlichkeit wird von Psychologen in der Regel durch fünf unabhängige Faktoren beschrieben - " The Big Five ". Wer in der Kategorie "Extraversion" eine hohe Punktzahl erhält, gilt als fröhlich, optimistisch oder lebhaft. "Verträglichkeit" ist die Kategorie beispielsweise für bescheidenes, aufrichtiges, warmherziges, altruistisches oder ehrliches Verhalten. Menschen, die in der Kategorie "Gewissenhaftigkeit" ihr Kreuzchen oft bei "Trifft zu" machen, sind in der Regel zuverlässig, pünktlich, ordentlich und diszipliniert. Viele Punkte in der Kategorie "Neurotizismus" beschreiben verlegene, nervöse, ängstliche, launenhafte Persönlichkeiten. Und die fünfte Kategorie der Big Five ist "Offenheit für neue Erfahrungen": Hier geht es um Bildung, Schlagfertigkeit, Kreativität, Wissbegier und ähnliches.

Nun wüssten wir gern: Zänkische Menschen wählen SPD und extravertierte die FDP, neurotische die Linkspartei. - Oder anders herum? Es handelt sich um komplexe Vermittlungsvorgänge, die sich oft nur für die einzelnen Persönlichkeiten genau beschreiben lassen. Neurotizismus und Extraversion haben offensichtlich wenig Einfluss auf die Wahlentscheidung. Bestimmte Zusammenhänge lassen sich jedoch nach der Studie klar herausfiltern. So neigen die Wähler der Grünen in einem hohen Maß dazu, neuen Erfahrungen gegenüber offen zu sein, während sie es nicht so sehr mit der Gewissenhaftigkeit haben. Genau umgekehrt verhält es sich bei den Wählern der CSU. Sie sind im Durchschnitt eher diszipliniert, zuverlässig und ordentlich, aber nicht so gebildet, kreativ und wissbegierig.

Dr. Siegfried Schumann, Leiter der Studie am Institut für Politikwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz , erläutert dieses Beispiel: "Edmund Stoiber wird von den Wählern tendenziell ein relativ hohes Maß an Gewissenhaftigkeit zugeschrieben. Nach dem so genannten "Attraktionsparadigma" führt die Wahrnehmung einer derartigen Ähnlichkeit zu erhöhter Sympathie für Stoiber. Diese ist einer der Faktoren (allerdings ein sehr wichtiger), auf die die Sympathie zur CSU zurückzuführen ist."
Bei den Wählern der extremen Rechten kommt zur geringen Offenheit noch eine geringe Verträglichkeit: Sie neigen also dazu, sich kaltherzig, egozentrisch, rücksichtslos oder sehr kritisch anderen Menschen gegenüber zu verhalten.

Als nächstes wird das Forscher-Team um Siegfried Schumann einer neuen Vermutung nachgehen. Der vielbeschworene Wertewandel könnte nämlich auch auf einen Wandel in der Ausprägung von Persönlichkeiten zurückzuführen sein. Nach gängiger Lehrmeinung ist die Persönlichkeit eines Menschen stabiler als seine Werte. Aus den Ergebnissen schließt Schumann daher: Das Wahlverhalten ist stabiler als gedacht und der Wettbewerbsdruck auf die Parteien wird nachlassen. Also: ganz entspannt in den Wahlkampf?