Mit einem vorzeitigen Ende dieser Wahlperiode im September bleibt der rot-grünen Bundesregierung eine Belastungsprobe erspart: die Entscheidung über die Wehrpflicht. Im Koalitionsvertrag von 2002 hatten SPD und Grüne einen Beschluss bis 2006 vereinbart. Die SPD wird wie geplant erst auf ihrem Parteitag zwei Monate nach der für September angesetzten Bundestagswahl über den Zwangsdienst für Männer streiten und beschließen. Aber anders als geplant wird sie nicht mehr am 22. August im Parteipräsidium über den Leitantrag beraten. So will sie die Wehrpflicht aus dem Wahlkampf heraushalten.Sowohl ein Nein als auch ein Ja der SPD zur Wehrpflicht wäre für Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) in einer Koalition mit den Grünen - kurz vor einer Wahl - zum Problem geworden. Beim Erhalt des Pflichtdienstes wären die Grünen, wie schon in der ersten Legislaturperiode, ihren Wählern die Abschaffung schuldig geblieben und hätten die SPD dafür verantwortlich gemacht. Zwar haben sie ihr Ziel nun wieder nicht erreicht, aber das können sie dann auf die vorgezogene Wahl schieben, die sie selber nicht gewollt haben.Wenn die SPD im November gegen die Wehrpflicht stimmt, wie es vor allem jüngere Sozialdemokraten fordern, wäre das eine persönliche Niederlage für Struck. Er verteidigt die Einberufung junger Männer. Nun hat sich die Lage für ihn entspannt. Als Minister würde er deswegen ohnehin nicht zurücktreten, wie er betont. Und selbst wenn die Union ihn in diesem Fall als geschwächt darstellte, vergingen bis zur nächsten Bundestagswahl regulär noch vier Jahre. Sollte Struck nach der für den 18. September geplanten Neuwahl nicht mehr Minister sein, hat er ohnehin keine Konsequenzen mehr zu tragen.Klar ist, dass die Wehrpflicht weiterhin ein Zankapfel unter den Parteien bleiben wird und deswegen auch noch zum Wahlkampfthema werden kann. Die SPD ist sich nicht einig, die Grünen wollen den neunmonatigen Wehrdienst abschaffen, die FDP will ihn aussetzen. Selbst in der Union ist man nicht frei von Zweifeln, ob die Einberufung eines nur noch kleineren Teils eines Jahrgangs der wehrpflichtigen Männer als wehrgerecht bezeichnet werden kann. Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht sind nicht ausgeschlossen.Altbundespräsident und Ex-Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog, hatte schon vor Jahren gemahnt: "Die Wehrpflicht ist ein so tiefer Einschnitt in die individuelle Freiheit des jungen Bürgers, dass sie der demokratische Rechtsstaat nur fordern darf, wenn es die äußere Sicherheit des Staates wirklich gebietet." Für Struck reicht die Landesverteidigung metaphorisch bis zum Hindukusch, weil die Bundeswehr durch Kriseneinsätze im Ausland gegen weltweiten Terror kämpfe und so zum Schutz Deutschlands beitrage. In Afghanistan etwa hilft sie, Rückzugsmöglichkeiten für Terroristen zu verhindern.Aber auch einige SPD-Mitglieder mögen das nicht als Rechtfertigung für die Wehrpflicht gelten lassen, die im Grundgesetz mit der Landesverteidigung begründet wird. Den 50. Geburtstag der Bundeswehr in diesem Jahr sehen sie als gutes Datum für den Abschied von der Wehrpflicht. Schon zum 40-jährigen Bestehen der Armee sah die SPD, damals in der Opposition, die Wehrpflicht in der Krise. Ihre Legitimation in der Gesellschaft sei brüchig geworden und von den jungen Männern werde sie immer weniger akzeptiert, hieß es damals.