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Die Zahlen schwanken, klar ist nur, sie sind gewaltig: 180 Millionen US-Dollar sollen weltweit täglich bei Pokerspielen im Internet den Besitzer wechseln - im Vergleich zum Jahr 2003 ein Anstieg um 1800 Prozent. Beim größten europäischen Online-Poker-Anbieter LadbrokersPoker.com spielen täglich rund 25 000 Leute. In diesen Wochen ist eine britische Firma, die vor allem mit Online-Pokern ihre Gewinne erzielt, an die Börse gegangen. Und Branchenkenner schätzen, dass es auch in Deutschland bereits 50 000 Online-Poker-Spieler gibt. Wie viele es genau sind, kann niemand exakt bestimmen. Denn Pokern im Internet ist in Deutschland illegal, und wer mit anderen zocken will, macht dies auf Seiten ausländischer Betreiber.

Dort kann man gratis um virtuelle Einsätze spielen oder - gegen eine kleine Gebühr, von der die Betreiber der Websites leben - um Geld. Man sucht sich einen virtuellen Tisch aus. Anschließend überweist man den Einsatz auf ein Konto des Betreibers, der es für die Spieler verwaltet und später verteilt.

Dass es dabei nicht nur aufs Glück ankommt, haben die Freunde des Spiels schon immer gern betont. Vielmehr gehe es darum, den Gegner und dessen Strategie zu beobachten und sich selbst in Nervenstärke, Geduld und Gerissenheit zu üben. Ein Pokerface machen. Bluffen. Blenden. Durchhalten.

Diese Ähnlichkeit zum realen Leben war schon immer ein Grund für die Faszination des Spiels. Das Versprechen, man müsse nur möglichst viele Faktoren kennen und möglichst clever einschätzen, dann stünde am Ende der Sieg, ist für viele, vor allem männliche Menschen, einfach zu verlockend. Und der Reiz steigt noch, je weniger das reale Leben in Zeiten von Globalisierung, Geschlechterrollenverschiebung und Rentenunsicherheit vorhersehbar ist. All das gilt natürlich nicht nur für die Online-Version, sondern auch für das gute alte Hinterzimmerspiel. Auch dessen Popularität ist gestiegen, es wird auf Eurosport und DSF übertragen, und zwar mit Zuschauerzahlen, die über dem Durchschnitt der Sender liegen. Und Filmstars wie Ben Affleck und Brad Pitt lassen sich neuerdings gern beim Pokern fotografieren (natürlich zugunsten wohltätiger Zwecke). Poker ist also irgendwie cool, doch von einem richtigen Boom kann man nur in Bezug aufs Internet sprechen.

Was suchen die Menschen im Netz, was sie an einem Tisch mit echten Menschen nicht finden? Oder: Was suchen sie zu vermeiden?

Ein offensichtlicher Vorteil ist die permanente Verfügbarkeit. Zudem kann man noch im Schlafanzug versuchen, am ganz großen Rad zu drehen, während im Hintergrund der Geschirrspüler läuft. Der Spieler übt mit Spielgeld, pokert um kleine Beträge oder auch um fünfzig Dollar, sagt Horst Koch, ein ehemaliger Pokerprofi und Gründer der deutschen Pokerliga, und mit diesem Einsatz kann er vielleicht 200 000 Dollar gewinnen.

Das kann dann ganz schnell gehen. Während im normalen Casino Karten eingesammelt, gemischt und wieder ausgeteilt werden müssen, entfallen diese Handlungen bei der Online-Version. Statt auf 30 hands, also Spielzüge, pro Stunde kommt man im Internet auf 60 bis 80. Zudem erlauben die meisten Online-Poker-Portale, an vier Spielen gleichzeitig teilzunehmen, also potenziell mehr zu gewinnen. Als Spieler hat man außerdem das Gefühl, das Spiel sei berechenbarer. Beim herkömmlichen Pokern muss man die Körpersprache des Gegners studieren. Ein Kratzen am Kopf zu deuten wissen. Erahnen, wann sein Augendrehen Nervosität bedeutet. Im Internet entfallen diese soft facts, das Spiel scheint berechenbarer. Der Schlüssel dazu: die hand histories. Der Computer zeichnet mit Hilfe einer speziellen Software jeden einzelnen Spielzug auf. Am Ende des Spiels gibt es eine Zusammenfassung. Statt der Mimik der Gegner kann man dann Daten und Statistiken über Reaktionszeiten, Spielmuster und Einsatzverhalten studieren - und systematisch an seinen eigenen Schwächen feilen. Online ist das Spiel eher ein statistisches und strategisches Unternehmen als ein Spiel mit Menschen, sagt Mike Caro, einer der bekanntesten amerikanischen Pokerprofis. Noch weniger als beim herkömmlichen Poker, bei dem es absolut unüblich ist, sich überhaupt Notizen während des Spiels zu machen, scheint nun das eigene Schicksal dem Glück unterworfen.

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Das Online-Pokern ist also die wissenschaftlichere, die rationalere Version des Pokerns, es wirkt so, als hätte man das Leben zumindest noch einmal für einen Moment lang unter Kontrolle.

Theoretisch ist das ein sehr gutes Gefühl. Praktisch kann es einen aber in falscher Sicherheit wiegen: als Deutscher beispielsweise, beim Internet-Poker am Wochenende. Da tummeln sich dann, so ist zu hören, plötzlich verstärkt professionelle Amerikaner auf den europäischen Pokerseiten. Ihr Ziel: die europäischen Freizeitspieler um ihre ohnehin immer weniger werdenden Euro zu erleichtern. Bis uns die hand history anzeigt, wo die eigenen Schwächen liegen, ist der Einsatz längst verloren. Manchmal gehen Spieler auch den umgekehrten Weg, vom Schlafanzugspieler zum Profi: Der spektakulärste Fall ist der eines amerikanischen Buchhalters, der sich Chris Moneymaker nennt.

Über ein Online-Poker-Spiel im Jahr 2003 gewann er den Zugang zur Weltmeisterschaft aller professionellen Pokerspieler - am Ende wurde er zur Überraschung aller Erster und ein steinreicher Mann.