Die Erfolge im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus kann man dieses Jahr auch im Urlaub besichtigen. Am Roten Meer in Ägypten zum Beispiel, wo 64 Menschen durch Sprengstoffanschläge ums Leben kamen. Beim Metropolen-Kurzurlaub in London, wo mindestens 56 U-Bahn-Reisende von Bomben zerrissen wurden und zwei Wochen später eine neue konzertierte Rucksackattacke nur knapp misslang. Wer diese Serie von Angriffen im Jahre vier des Antiterrorkampfes mit den großformatigen Erklärungen europäischer und amerikanischer Staatsmänner von 2001 vergleicht, verzweifelt allmählich an der Strategie des Westens.

Nach dem 11. September identifizierten Amerikaner und Europäer im fieberhaften Rundumblick erst ihre Feinde – die Islamisten – und dann die Freunde – die schneidigen Islamistenhasser. Es kam zum Pakt mit den Diktatoren: mit Hosni Mubarak in Ägypten, Pervez Musharraf in Pakistan, Islam Karimow in Usbekistan und Wladimir Putin in Russland. Weit getragen hat das nicht. Tschetschenien bleibt umkämpft, Pakistan und Usbekistan exportieren nach wie vor Radikale, Ägypten ist wie in einer Zeitmaschine zurück in die bleiernen Terrorjahre der Neunziger versetzt. Müssen wir uns damit abfinden? Keineswegs, die Europäer sollten sich nur noch ein zweites Mal umschauen – genauer als 2001. Nach den Anschlägen in London und Ägypten besteht die Aussicht, wirksamere Mittel gegen Terrorismus zu finden. Doch dafür braucht der Westen andere Verbündete und einen klaren Blick auf den Islam.

Am Anfang war das falsche Wort, das unselige Wort vom Antiterrorkrieg. Der Westen beschränkte sich seither geräuschvoll aufs Militärische und überhörte die auf die europäischen Muslime zielenden Lockrufe von al-Qaida. Die Rede vom Krieg machte die Sicherheitsdienste im Nahen Osten zu Subunternehmern des Westens, wenn diese nach dem Modell Mubarak auf Islamisten aller Farben dreinschlugen. Einige Staaten durften sogar ihre jahrzehnte- oder jahrhundertealten Lokalkonflikte aufwerten: Russland den Kolonialkrieg am Kaukasus, Indien die Kaschmir-Fehde, Israel seine Schlacht um Land mit den Palästinensern. Dann führte die Antiterrorkoalition selbst Krieg – vereint in Afghanistan, zerrissen im Irak. Ergebnis? Eine Zermürbungsschlacht mit vielen Toten, viel mehr Toten, als der Terrorismus bis dahin gefordert hatte. Dazu kamen Kollateralschäden, siehe die Folterfotos aus Abu Ghraib.

Verblüffend nur: Die Killer kommen nicht von den Kriegsschauplätzen, nicht aus Palästina, Irak oder Afghanistan. Die Gefechte in diesen Ländern liefern nur die Zerrbilder im Kopf des Selbstmordattentäters, bevor er sich den Sprengstoffgürtel umhängt. Von dort gehen nicht die Ursachen des Terrors in Europa aus (gescheiterte Integration, Globalisierung). Von dort kommt die Motivation, das Ecstasy des Dschihadisten.

Die Rekruten des Heiligen Krieges aber kommen von überall her und schlagen in vertrauter Umgebung zu. In Europa sind es überwiegend eingewanderte Muslime, die ihre Mitwelt attackieren. In Marokko waren die Terroristen Marokkaner in al-Qaidas Auftrag, in der Türkei handelten Türken in radikalislamischer Mission, in Saudi-Arabien Osama bin Ladens saudische Agenten. Die Gefahr kommt nicht aus der Ferne, sie ist ein Nachbarschaftsphänomen. Die Terroristen behaupten dabei, sie zielten auf den Westen. Tatsächlich treffen sie in den meisten Fällen Muslime. Auch in Scharm al-Scheich, einem Touristenzentrum, waren unter den 64 Toten nur wenige "Kreuzfahrer und Kolonialisten" (lies: Urlauber) auszumachen, dafür umso mehr Ägypter.

Die Empörung der Muslime nach den Anschlägen an der Themse und am Roten Meer ist deshalb unüberhörbar. Sunnitisch-islamistische Scheichs und schiitische Ajatollahs entrüsten sich über die Angriffe in Worten, deren Härte und Unzweideutigkeit man sich schon früher gewünscht hätte. Diese Erklärungen passen bestens zu neuesten Umfragen des US-Forschungsinstituts Pew Research Center, nach denen die Zustimmung für bin Laden in den islamischen Ländern spürbar sinkt. In Marokko, Indonesien und in der Türkei fürchten bis zu drei Viertel der Bevölkerung die Gefahr des islamischen Extremismus.