Wenige Wochen vor der dritten Bundestagswahl der Ära Schröder/Fischer ist die vermeintliche Siegerin, die schwarz-gelbe Koalition, etwas zögerlich geworden beim Verteilen des Bärenfells.

Das grün-rote Opfer will nicht richtig stillhalten, und zu allem Überdruss schnürt ein Rotfuchs namens Linkspartei mit zwielichtig-populistischer Absicht durch die Wahlprognosen der Demoskopen. In derlei Pausen, während die Spitzenwahlkämpfer Atem holen, schlägt traditionell die Stunde der Kulturpolitik. Im Hochsommer 1998 (der Autor erinnert sich gut) belebte der Kandidat Gerhard Schröder das Wahlprojekt Rot-Grün und erfand den zukünftigen "Kulturstaatsminister". "Auf die Idee", sagte später Wolfgang Schäuble, CDU, "hätten wir auch kommen können." Nichtbayerische Unionsmitglieder, wie zum Beispiel Berlins Spitzenkandidatin Monika Grütters, träumen inzwischen von einem Bundeskulturministerium, und Guido Westerwelle träumt gleich mit. Das wäre ja eine Ministerstelle mehr im Kabinett – warum nicht für die FDP? Ein Schaden wäre es nicht, nur die Föderalismuskommission hätte ein weiteres Zwietrachtthema.

Sieben Jahre nach Schröders Sommer-Coup geht die Kanzlerkandidatin Angela Merkel in einem FAZ- Interview allen konservativen Definitionen von "Kultur" als Leit-, Sinn- und Suchmaschine im Labyrinth der Moderne aus dem Wege. Während der Bayreuther Festspiele bewegte sich die Politikerin autogrammbereit durch die stundenlangen Denkpausen. Mag sein, dass ihr seltsam streitmüdes Kultur-Interview ein Reflex ihrer ostdeutschen Pfarrhaus-Biografie ist. Jedenfalls scheint die Kandidatin nicht bemerkt zu haben, dass zumindest Joschka Fischer in der Vertrauensdiskussion des Parlaments den 68er-Mythos aufgerufen hat. Ein bisschen Kulturkampf bringt Stimmung ins eigene Lager. Es ist zwar richtig, dass die auswärtige Kulturpolitik unter Fischers Ägide verkümmert ist, doch der einzige Intellektuelle im Kabinett wird noch einmal das autoritär-repressive Erbe jener CDU-Jahre beschwören, da die Union erbitterten Widerstand gegen die Abschaffung von Paragraf 175, die Reform des Scheidungs- und Strafrechts, die Liberalisierung des Abtreibungsparagrafen und anderer Restbestände altdeutscher Verstocktheit leistete.

Gerhard Schröders Wahlkampfstrategie hingegen wird auf den inzwischen altmodischen Topos "Geist versöhnt sich mit Macht" verzichten müssen; denn nach sieben Jahren durchaus erfolgreicher Kulturförderung stellt sich heraus, dass die normale Kluft zwischen Geist, Kunst und Politik kaum noch zu überbrücken ist – egal, unter welchem parteipolitischen Vorzeichen. Mit persönlichen Abneigungen hat dies nichts zu tun. Künstler, die im Kanzleramt auf einen aufgeräumten Regierungschef trafen, rühmen dessen Kunst zuzuhören. Aber der politisch-ideologische Kitt fehlt.

Zum einen gleichen die "Kulturschaffenden" normalen Wählern in ihrer Undankbarkeit. Schröders Steuersenkungen und nicht minder massiv erhöhten Kulturzuwendungen sind für beide ganz selbstverständlich. Darüber hinaus jedoch fällt die rot-grüne Amtsperiode zusammen mit einem Alterungsprozess der einst meinungsbildenden SPD-nahen Intelligenzija. Für sie verweist das Symbol "links" nur noch auf einen ganzen Roman politischer Enttäuschungen. Bei dem Stichwort "Macht" winkt sie ab. Wenn die Regierenden schon selbst versichern, in einer globalisierten Weltwirtschaft keine mehr zu haben, dann schrumpft die libido dominandi, die noch jeden Intellektuellen oder Künstler vor einem Besuch im Kanzleramt zu beflügeln pflegte, unter die Fünf-Prozent-Grenze.

Im politisch-ökonomischen Dauerdiskurs findet die kulturelle Urfrage "Wofür das alles?" keine Zuhörer mehr. Und so schreitet die Entpolitisierung einer geradezu sprachlosen Geist- und Kunstszene fort, ein Phänomen, das so ähnlich auch in den Vereinigten Staaten, in Frankreich und Großbritannien zu beobachten ist. Über Kulturpolitik als Hoffnungsreservoir einer Gesellschaft, die von Selbstzweifeln bedrückt und von Zukunftsängsten behelligt wird, über dieser Kulturpolitik liegt, wer will das bestreiten, der Staub der Normalität und womöglich auch ein Ruch von Vergeblichkeit. In der heißen Wahlkampfphase der nächsten Wochen wird man nichts mehr von ihr hören.