Kairo - Ein Jahr nach seinem Amtsantritt äußerte der Präsident Hosni Mubarak goldene Worte: "Ich glaube, dass Demokratie der beste Garant für unsere Zukunft ist. Ich bin absolut gegen eine Zentralisierung von Macht, und ich habe keinen Wunsch, Entscheidungsprozesse zu monopolisieren, denn das Land gehört uns allen." Seitdem sind 23 Jahre vergangen, der Präsident ist 77 Jahre alt und bewirbt sich für seine fünfte Amtzeit. Und verspricht noch immer demokratische Reformen.

"Ich habe mich auf eine Reise begeben, auf der ich nicht wanken werde, bevor ich sie beendet habe", verkündete Mubarak am vergangenen Donnerstag in seiner ehemaligen Schule in der Nil-Delta-Provinz. Er wolle dafür sorgen, dass die Wahl im September, in der zum ersten Mal mehrere Kandidaten gegeneinander antreten können, "konkurrenzbetont, frei und fair" verlaufen werde. Außerdem versprach der Präsident, nach 24 Jahren das Notstandsgesetz abzuschaffen und stattdessen ein Anti-Terror-Gesetz einzuführen. Mubarak fügte hinzu, er wolle die Macht des Präsidenten begrenzen und die Rolle des Parlaments stärken.

Gemischte Botschaften. Mit ihnen reagiert der Präsident zum einen auf die jüngsten Anschläge von Scharm el-Scheich, die Ägypten nach einem knappen Jahrzehnt zurück in eine Gegenwart mit akuter Terrorbedrohung geführt haben. Diesmal sind die Ägypter selbst zum Ziel der Attentäter geworden. Die Antwort ihres Präsidenten: Eine Ausweitung des ohnehin schon dominanten Sicherheitsapparates, durch neue Gesetze unterfüttert. Damit stärkt Mubarak auch seine eigene Rolle als Präsident. Zum anderen zeigen die Versprechungen freierer Wahlen und des Rückbaus präsidialer Macht, dass Mubarak der Forderung nach mehr Demokratie zumindest taktisch entgegenkommen muss.

Das ägyptische Regierungssystem ist autoritär und in sich geschlossen. Die Bevölkerung reagiert darauf weithin mit Politikverdrossenheit und Gleichgültigkeit. Viele fühlen sich vernachlässigt, übergangen oder auch politisch uninformiert. Selbst die Bedrohung durch den Terrorismus hat dem Präsidenten keinen neuen Zuspruch verschafft. Ein Beispiel gibt Hany, ein 38-jähriger, promovierter Ägypter: "Ich habe keine Ahnung von Politik", sagt er. "Ich wünsche mir Demokratie, aber ich sehe keinen Politiker, der richtig für die Ägypter wäre." Das geplante Anti-Terror Gesetz empfindet Hany nicht als Schutz, sondern als einen neuen Versuch des Präsidenten, die Gesellschaft zu kontrollieren: "Ich sehe keinen Unterschied zwischen Anti-Terror- und Notstandsgesetz", sagt er. "Nur der Name ist anders."

Viele Ägypter fühlen sich durch ihren Präsidenten nicht ausreichend repräsentiert oder geschützt. Der 28jährige Rida macht Mubarak geradezu für sein persönliches Schicksal verantwortlich. Er hat vor sechs Jahren sein BWL-Studium beendet und verkauft heute von elf Uhr morgens bis ein Uhr nachts geblümte Blusen und Diesel-Turnschuhe. "Mit meinem Abschluss sollte ich in einer guten Firma arbeiten, aber nicht hier", sagt er, und gibt Mubarak die Schuld; sein Kollege Mohammed nickt und sagt: "Hosni ist gut für unseren internationalen Ruf, aber er hat die Menschen in Ägypten vernachlässigt. Viele sind sehr arm." Rida und der 20jährige Mohammed verdienen etwa 500 ägyptische Pfund (71,80 Euro) im Monat und liegen damit über dem Durchschnitt. Etwa ein Drittel der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben, und die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei ungefähr 70 Jahren. "Diese Leute lieben Mubarak nicht", sagt Mohammed.  

Viele Ägypter ziehen sich stattdessen in ihre eigene Welt zurück, in der sie ihre politische Machtlosigkeit vergessen können. Ein Metzger, der ebenfalls Mohammed heißt, zeigt auf ein Schwarz-Weiß-Foto neben gehäuteten Tierkörpern. "Das ist das Bild meines Vaters", sagt er. "Das ist besser für mich als Politik. Schau dich hier um: Hier, in meiner Metzgerei, bin ich der Boss. Ich sage den Arbeitern, was zu tun ist, ich habe die Kontrolle. Das ist meine Lösung. Ich gucke nur auf mich, auf mein Leben, auf meine Familie."

Neben dem Bildnis des Vaters hängt dasjenige einer Moschee mit der Aufschrift "Gott ist das Licht des Himmels und der Erde". Mehr und mehr Ägypter suchen Zuflucht in ihrem Glauben. Ein Student sagt: "Seit 25 Jahren gibt es in Kairo immer mehr verschleierte Frauen." Die islamistischen Muslimbrüder, die nicht als Partei anerkannt werden, sind nach wie vor die populärste ägyptische Oppositionsbewegung.

Dennoch, trotz aller Kritik wird im September voraussichtlich wieder eine große Mehrheit der Ägypter für Mubarak stimmen. Auch Rida, Hany und Mohammed werden das Ja für den Präsidenten ankreuzen. Der andere Mohammed, der Metzger, überlegt noch, die Wahl zu boykottieren. Damit stünde er dann nicht allein. Die verbreitete Wahlabstinenz in Ägypten hat ihre Wurzeln im Staatsstreich von 1952. Damals stürzten die "Freien Offiziere" zwar die britische Regierung, vermieden aber enge Bindungen zum ägyptischen Volk. Eine Revolution, in der das Volk das politische System verändert, hat Ägypten bis heute nicht erlebt.