Nach Jahren zweifelhafter Ruhe steht Ägypten im Zentrum terroristischer Anschläge. Zunächst hieß es, ein ägyptischer Biochemiker sei an den Anschlägen in London beteiligt gewesen. Am vorigen Wochenende starben dann in einer Bombenserie 64 Menschen im Ferienort Scharm al-Scheich. Was macht Ägypten zum Unruheherd? Es gibt eine nicht übliche Antwort – und diese liefert die Geschichte von Hassan al-Sawaf.

Se in größter Traum ist es, für immer nach Hause zurückzukehren. Aber er sagt, sein Land sei von schwer bewaffneten Verbrechern besetzt. Sie haben arabische Frauen entehrt, indem sie ihnen die Kopftücher abgerissen und sie auf Demonstrationen angegriffen haben. Diese Demonstrationen gehören zu einer Bewegung mit dem Motto "Kifaja" ("Genug"). Al-Sawafs Landsleute haben genug von Missbrauch, Tyrannei und Erniedrigung.

Der Geschäftsmann al-Sawaf hat eine Wohnung in London, und zwar nur deshalb, weil er mit einer Gefängnisstrafe bedroht wird, falls er nach Kairo zurückkehren sollte. "Ich habe kein Verbrechen begangen", insistiert er. "Ich habe keine Schulden. Ich handele weder mit Drogen noch mit Waffen. Ich schreibe nur für einige Zeitschriften und auf meiner Website." Abgesehen von einigen Ausnahmen ist das, was er schreibt, höflich. So höflich, dass es subversiv sein kann. Er greift niemanden persönlich an, stellt lediglich das autoritäre Regierungssystem infrage. "Die Ausgaben des Militärs, der Polizei, des Geheimdienstes und des Präsidenten werden nicht offen gelegt, nicht einmal für den Premierminister", moniert al-Sawaf. "Unser vollkommen machtloses Parlament wird nur in die harmlosesten Angelegenheiten eingeweiht."

Anders ausgedrückt kann man die gewählten Volksvertreter Ägyptens mit Kindern vergleichen, die in der Sandkiste spielen dürfen und dabei von verschwenderischen, demokratisch verkümmerten Erwachsenen beaufsichtigt werden. Aber was hat das mit dem islamistischen Terrorismus zu tun? Al-Sawaf wird lebhaft. Er zitiert einen ägyptischen Zeitgenossen, den Soziologen und Verfechter der Demokratie Saad Eddin Ibrahim: "Gesellschaften, die ihren Bürgern aktive Teilnahme und abweichende Meinungen nur begrenzt gestatten, werden am Ende eine verdrehte, wütende und tödliche Anwort erhalten."

Und tatsächlich gibt es innerhalb der arabischen Gesellschaft vielfach keine gerechte Volksvertretung mehr. Die 24 Jahre alten ägyptischen Notstandsgesetze, die einmal geschaffen wurden, um scharf gegen militante Muslime vorgehen zu können, werden inzwischen so willkürlich ausgelegt, dass auch Anhänger moderner politischer Ideen damit mundtot gemacht werden. Gleichzeitig ermöglicht es dem Präsidenten Hosni Mubarak, länger und länger an der Macht zu bleiben.

Al-Sawafs Mentor Saad Ibrahim ist ein einschlägiges Beispiel hierfür. Er führt das renommierte Ibn-Khaldun-Zentrum in Kairo, das sich unter anderem der Dokumentation von Verstößen gegen die Menschenrechte und der Beobachtung von Wahlen in Ägypten widmet. Man ahnt, worauf es hinausläuft.