Von Woody Allen stammt das Bonmot, immer, wenn er Richard Wagner höre, überkomme ihn der unwiderstehliche Drang, in Polen einzumarschieren. Unseren Politikern sind solche Reflexe glücklicherweise seit längerem parteiübergreifend fremd, weshalb wir sie alljährlich unbesorgt ihrem unwiderstehlichen Drang nachkommen lassen, auf dem Grünen Hügel in Bayreuth aufzumarschieren, um dort bella figura zu machen. Vergangene Woche konnte man zum Beispiel sehen, wie Guido Westerwelle, der Vorsitzende der liberalen Partei für das ganze Volk, demselben über die Absperrung hinweg mit gütigem Lächeln die Hände schüttelte. Das Volk aber bleibt misstrauisch gegenüber einer Partei, die die Sozialsysteme auf "Daseinsvorsorge" beschränken will. Vielleicht weil das so klingt, als könnte morgen jemand vor der Tür stehen, der sagt: "Tut mir leid, Ihre Lebensberechtigungskarte ist abgelaufen."

Wenig Erbauliches musste das Volk auch aus dem Mund seiner gefühlten Kanzlerin Angela Merkel hören. Der Deutsche ist nämlich nicht nur zu dumm zum Rechnen, Kinderkriegen und Steuererklären, das war schon länger bekannt. Die Deutschen, erklärte Frau Merkel streng, könnten auch nicht mehr singen! Dass mal einer vier oder fünf Strophen von einem Lied könne, das sei die Ausnahme. Woher sie das weiß? Von ihren Dienstreisen. Geradezu "beschämt" nämlich ist unsere Chefin in spe, wenn sie ins Ausland fährt und da erlebt, was es dort für "Kenntnisse in Volkslied und Volkspoesie" gibt, während der gemeine Deutsche, sofern er nicht Mitglied der CDU/CSU ist, nicht mal die Nationalhymne unfallfrei über die Bühne bringt (vgl. hierzu auch Connor, Sarah, "Brüh im Lichte").

Der Konservative hingegen pflegt ein inniges und strophenbewusstes Verhältnis zu Vaterland und deutschem Liedgut. Denn: "Wie das Lachen befreit auch das Singen die Seele, fördert im Menschen die künstlerische Ader und stiftet Gemeinschaft", sagt die CDU-Vorsitzende. Unvergessen sind die Bilder ihres Rivalen Friedrich Merz an der Klarinette ("Am liebsten Bach") bei der Hausmusik im Kreis seiner Familie. Oder Helmut Kohl, der bei Bedarf für die Fotografen im Urlaub ganze Rehböcke geigte. Kann Frau Merkel da mithalten? Wird sie demnächst Guido Westerwelle im Kanzleramt Tristan und Isolde auf der Blockflöte vorspielen, während der Oppositionschor im Hintergrund mürrisch "Diene, diene" intoniert? Werden ihre Lieblingslieder ("Der Mond ist aufgegangen") fünftes Abiturfach? Damit wir uns endlich wieder im Ausland sehen lassen können?

Dort traut man uns offenbar nichts mehr zu, nicht mal mehr die Rolle als Bösewicht, ganz zu schweigen von einem Sitz im Sicherheitsrat der UN. Stattdessen erreichen uns täglich neue Hiobsbotschaften. Jeder zehnte Deutsche leidet inzwischen an Depressionen, häufig auch verbunden mit heftigem Grübelzwang, der Unfähigkeit also, notwendige Entscheidungen zu treffen. Kein Wunder, dass sich Bundespräsident Horst Köhler große Sorgen um uns macht. "Machen Sie von Ihrem Wahlrecht sorgsam Gebrauch", mahnte er die Deutschen in seiner Rede zur Auflösung des Bundestags. Irgendwie hatte man das Gefühl, das Wörtchen "diesmal" hatte er sich gerade noch verkniffen. Gut, dass die Wahlen schon in zwei Monaten sind. Wer weiß, wenn das alles so weitergeht, sind wir nächstes Jahr vielleicht schon zu dumm zum Wählen.