Ein Satz reichte. Eine Schulstudie habe gezeigt, dass der Intelligenzquotient bei türkischen Einwanderern niedriger sein könne, sagte Dieter Lenzen, Präsident der Berliner Freien Universität Mitte Juli in einem Interview mit der Berliner Zeitung. Sofort brach ein Sturm der Entrüstung los. Die Aussagen seien untragbar, kritisierten türkische Verbände in einer gemeinsamen Erklärung und forderten eine Entschuldigung Lenzens. "Ich sehe eine Art Lafontaine-Virus um sich greifen", sagte Safter Cinar, Sprecher des Türkischen Bundes Berlin. "Die Mutmaßungen schüren Vorurteile", sagte die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth, die grüne Hochschulexpertin Lisa Paus nannte Lenzens Äußerungen gar "rassistisch".

Der FU-Präsident fühlte sich zu Unrecht kritisiert und verwies erneut auf die Hannoveraner Grundschulstudie, bei der die Erziehungswissenschaftler Joachim Tiedemann und Elfriede Billmann-Mahecha 1700 Dritt- und Viertklässler auf ihre kognitiven Leistungen hin getestet haben. Niemand behaupte, dass Einwandererkinder von Geburt an dumm seien, sagte Lenzen. Allerdings blieben sie in der Studie nachweisbar hinter den deutschen Kindern zurück. Auch in der Pisa-Studie hatten Migranten eine niedrigere Punktzahl erreicht als deutsche Schüler.

Der Autor der Studie selbst zeigt sich überrascht von der Schärfe der Debatte. "Die Diskussion geht in eine Richtung, die durch unsere Daten überhaupt nicht gestützt wird", sagt Joachim Tiedemann von der Universität Hannover. Die Ergebnisse der Studie seien völlig überinterpretiert, wenn man rassistische Motive daraus ablese. Im Kern hätten er und seine Kollegin lediglich festgestellt, dass es eine Problemgruppe unter Grundschülern gebe. "Diese Problemgruppe besteht aus Kindern, in deren Familien kein Deutsch gesprochen wird und die in allen Leistungsbereichen der Studie schlecht abschneiden." Um die Schüler in den Tests nicht von vornherein aufgrund der Sprache zu benachteiligen, habe man sich für nicht-sprachliche, figurale Aufgaben entschieden. Doch auch so hätten die Migrantenkinder deutlich schlechtere Leistungen erzielt. "Daraus folgt vor allem eines", sagt Tiedemann. "Die schulische Förderung von Einwanderern muss mehr leisten als reine Sprachförderung." Damit widerspricht der Wissenschaftler der Auffassung vieler seiner Kollegen, die Beherrschung der deutschen Sprache allein sei der Schlüssel zum Lernerfolg. "Schulische Förderung muss zusätzlich kognitive Defizite ausgleichen, die in der sozialen Herkunft der Kinder begründet sind." Genau das sei der Ansatz der Studie: eine Bestandsaufnahme der förderbaren Denkleistung, nicht der genetisch bestimmten Intelligenz.

Manche kümmert alles Differenzieren indes wenig: Die Bild- Zeitung hatte nach Lenzens Statement bereits die "Berliner Dumm-Debatte" ausgerufen. Jan-Martin Wiarda