Der dumme Streit um die Intelligenz

DIE ZEIT: Sind türkische Schüler dümmer als deutsche?

Elsbeth Stern: Daraus, dass sie in einem Intelligenztest schlechter abschneiden, lässt sich so ein pauschales Urteil nicht ableiten. Rassistische Deutungen wie "die Deutschen" seien intelligenter als "die Türken" verbieten sich in jedem Fall.

ZEIT: Aus Gründen der Political Correctness?

Stern: Nein, es gibt einfach keinerlei Beleg dafür. Wenn man die türkischen Einwanderer in Deutschland betrachtet, dann muss man bedenken, dass sie in ihrer sozialen Zusammensetzung nicht repräsentativ für die Türken an sich sind. Migrationsprozesse sind immer sozial selektiv. Als Deutschland Türken ins Land holte, brauchte man vor allem Leute, die am Fließband stehen, also Menschen aus der bildungsfernen Unterschicht. Einwanderer aus Vietnam dagegen, um ein anderes Beispiel zu nennen, stammen vorwiegend aus gebildeten Schichten, sie kamen vor allem aus politischen Gründen nach Deutschland. Ihre Kinder schneiden in Intelligenztests besser ab als die aus deutschen Familien. In den USA wurde das sehr genau untersucht: Jüdische und asiatische Einwanderer sind intelligenter als die Durchschnittsamerikaner. Daraus lassen sich aber keine Rückschlüsse auf Juden oder Asiaten allgemein ziehen.

ZEIT: Dann wäre nicht überraschend, was die Studie über Hannovers Grundschulkinder (siehe Eine Studie schlägt Wellen , Anm. d. Red.) zeigt: Im Durchschnitt sind die türkischstämmigen Schüler kognitiv weniger leistungsfähig, also weniger intelligent als ihre deutschen Mitschüler.

Stern: Nein, das ist nicht überraschend. Aber das hat eben vorwiegend soziale Ursachen, keine ethnischen. Außerdem sind Durchschnittswerte immer problematisch. Es gibt große Überlappungen bei der Verteilung der Intelligenz, also auch viele türkische Schüler, die einen hohen Intelligenzquotienten haben und viele deutsche Kinder, die weniger intelligent sind. Über das einzelne Kind sagt die Intelligenzverteilung gar nichts aus.

ZEIT: Sollten wir entspannter mit solchen Studien umgehen?

Stern: Auf jeden Fall. Es zeigt sich beispielsweise auch in vielen Studien, dass Mädchen im Durchschnitt schlechtere Mathematikleistungen bringen als Jungs. Nur ein Dummkopf schlösse daraus, dass Mädchen dümmer sind als Jungen. Auch dort sind die Überlappungen sehr groß; viele Mathe-Asse sind Mädchen. Man nimmt solche Studien vernünftigerweise zum Anlass, um über einen Mathe-Unterricht nachzudenken, der den Mädchen mehr gerecht wird. Genau so, wie die Pisa-Studie Rückstände der Jungs beim Lesen festgestellt hat, und man jetzt überlegt, wie die Jungs speziell gefördert werden können.

ZEIT: Kann es sein, dass Einwandererkinder bei Intelligenztests einfach schlechter abschneiden, weil sie die Sprache nicht beherrschen?

Stern: Ja, wobei der Test, den die Hannoveraner Kollegen angewandt haben, ein so genannter nichtsprachlicher Test ist. Den hätte ich auch eingesetzt. Trotzdem können solche Tests letztlich nie das Umfeld ausblenden. Der eingesetzte Test verlangt vor allem, dass man logische Strukturen in Figurenfolgen erkennt. Wer zu Hause beispielsweise viel mit Puzzles spielt, ist gegenüber anderen Kindern im Vorteil. Die stärkste Aussagekraft haben Intelligenztests dann, wenn das soziale und kulturelle Umfeld der Testpersonen gleich ist. Wenn also ähnlich sozialisierte Akademikerkinder unterschiedlich gut abschneiden, dann macht eben die Intelligenz den Unterschied.

ZEIT: Die Hannoveraner Forscher ziehen aus dem kognitiven Rückstand der Einwandererkinder den Schluss, dass sie nicht nur sprachlicher Förderung bedürfen, sondern darüber hinaus einem geistig anregenderen Klima ausgesetzt werden sollten.

Der dumme Streit um die Intelligenz

Stern: Auch Sprachförderung schlägt sich in Intelligenzzuwachs nieder. Aber die Schlussfolgerungen der Kollegen kann ich teilen: Mehr Einwandererkinder sollten in den Kindergarten, weil sie dort einer geistig anregenden Atmosphäre ausgesetzt sind. Sie brauchen stimulierende Lernumgebungen, also etwa Schulklassen, in denen nicht nur leistungsschwache Schüler sind. Und sie brauchen zum Beispiel auch in Mathematik und den Naturwissenschaften einen anregenden Unterricht, der sie geistig fordert – und damit fördert.

ZEIT: Kann man dadurch die Intelligenz steigern?

Stern: Sicher. Bis zum Alter von etwa zehn Jahren – Achtung, das ist ein Durchschnittswert! – können sich die IQ-Werte noch beachtlich verändern. Dabei spielt die Schule eine ganz entscheidende Rolle.

ZEIT: Also sind die Gene nicht alles?

Stern: Nein, sie legen ein Potenzial fest, das mehr oder weniger gut ausgeschöpft werden kann. Auch die Ernährung trägt übrigens einen Teil zur Intelligenzentwicklung bei. Kinder, die Muttermilch getrunken haben, sind geistig leistungsfähiger als solche, die es nicht getan haben.

ZEIT: Was kann ein Vergleich der Intelligenz deutscher und türkischer Kinder noch bringen?

Stern: Man könnte mit Hilfe solcher Studien realistischere Ziele für die Schule definieren. Zum Beispiel, dass es ein völlig überhöhtes Ziel wäre, von türkischen Kindern im Schnitt die gleichen Leistungen in Mathematik oder eine ähnlich hohe Abiturientenquote zu erwarten wie von deutschen Kindern. Weil die türkischen Kinder einfach Nachteile in der intellektuellen Sozialisation erfahren haben. Auch in einer anderen Richtung sind Daten zur kognitiven Leistungsfähigkeit interessant: Wenn wir etwa feststellen, dass türkische Kinder, die genauso intelligent sind wie deutsche Kinder, in der Schule nicht so erfolgreich sind, weist das auf Mängel in der Chancengerechtigkeit hin.

ZEIT: Wir sprechen hier wie selbstverständlich über Intelligenz. Was ist das überhaupt?

Stern: (lacht) Genau weiß man das nicht. Aber man kann sie mit Intelligenztests sehr genau messen. Sie drückt aus, wie effizient das Gehirn arbeitet. Wie gut man logische Schlüsse ziehen kann. Und, sehr wichtig: wie gut man sich geistig auf neue Situationen einstellen kann.

ZEIT: Was ist mit der oft beschworenen emotionalen Intelligenz?

Stern: Ich halte mich lieber an die Intelligenz, wie sie mit Intelligenztests gemessen werden kann. Sonst vermischt man Dinge, die nicht zusammengehören. Aber Intelligenz ist natürlich nicht alles.

ZEIT: Inwiefern?

Stern: Intelligenz führt nicht automatisch zu Erfolg im Leben, da spielen auch andere Faktoren, wie etwa die Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen, eine Rolle. Außerdem können Mängel in der Intelligenz ausgeglichen werden.

ZEIT: Wodurch?

Stern: Durch gut organisiertes Wissen. Wer nicht so intelligent ist, aber sich systematisch zum Beispiel mit Mathematik befasst, der wird dort bessere Leistungen bringen als ein intelligenter Faulpelz. Intelligenz ist kein Freibrief.

ZEIT: Aber wer intelligent ist und viel lernt, der wird am weitesten kommen.

Stern: Ja, hier gilt das so genannte Matthäus-Prinzip: "Wer hat, dem wird gegeben." Wenn man das weiterdenkt, hat das übrigens Konsequenzen für die Bildungsdebatte, die vielleicht nicht jeder hören mag.

Der dumme Streit um die Intelligenz

ZEIT: Nämlich?

Stern: Wenn wir das Ideal der Chancengerechtigkeit in der Schule umsetzen, dann erreichen wir nicht mehr Gleichheit, sondern im Gegenteil mehr Ungleichheit. Je besser der Unterricht ist, je mehr wir die Schüler ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend fördern, desto mehr schlagen die Gene durch – und die sind nun einmal ungleich verteilt. Intelligente Schüler können aus anregendem Unterricht den meisten Honig saugen.

ZEIT: Und wo bleiben die weniger starken Schüler?

Stern: Die werden auch besser. Denn der zweite Teil des Matthäus-Zitats aus der Bibel stimmt in diesem Zusammenhang nicht: "Wer nicht hat, dem wird genommen, was er hat." Wer schwach ist, kann immer noch dazulernen. Lehrer tun weniger intelligenten Kindern daher keinen Gefallen, wenn sie immer nur das Einmaleins üben. Anregender Unterricht nützt allen.

Elsbeth Stern , 47, forscht am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin über die Rolle der Intelligenz beim Lernen

Interview: Thomas Kerstan und Jan-Martin Wiarda