ZEIT: Nämlich?

Stern: Wenn wir das Ideal der Chancengerechtigkeit in der Schule umsetzen, dann erreichen wir nicht mehr Gleichheit, sondern im Gegenteil mehr Ungleichheit. Je besser der Unterricht ist, je mehr wir die Schüler ihren individuellen Möglichkeiten entsprechend fördern, desto mehr schlagen die Gene durch – und die sind nun einmal ungleich verteilt. Intelligente Schüler können aus anregendem Unterricht den meisten Honig saugen.

ZEIT: Und wo bleiben die weniger starken Schüler?

Stern: Die werden auch besser. Denn der zweite Teil des Matthäus-Zitats aus der Bibel stimmt in diesem Zusammenhang nicht: "Wer nicht hat, dem wird genommen, was er hat." Wer schwach ist, kann immer noch dazulernen. Lehrer tun weniger intelligenten Kindern daher keinen Gefallen, wenn sie immer nur das Einmaleins üben. Anregender Unterricht nützt allen.

Elsbeth Stern , 47, forscht am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin über die Rolle der Intelligenz beim Lernen

Interview: Thomas Kerstan und Jan-Martin Wiarda