Der deutsche Einheitsprozess ist voller Versprechen, die nicht in Erfüllung gingen. So sind die "blühenden Landschaften" zum Inbegriff westdeutscher Verheißung und ostdeutscher Enttäuschung geworden. Doch nun geht plötzlich in Erfüllung, was nie versprochen wurde. Helmut Kohl jedenfalls ist damals nicht auf die Idee gekommen, seinen erwartungsvollen Landsleuten als nächsten Unionskanzler eine Frau aus dem Osten anzukündigen. Nun kommt sie voraussichtlich trotzdem. Bereits die Nominierung von Angela Merkel als Kandidatin markiert eine Zäsur im schwierigen deutsch-deutschen Verhältnis, ist ein spektakulärer Etappensieg des Ostens auf dem Weg zur politischen Gleichberechtigung.

Doch ausgerechnet im Osten wird das zurzeit offensichtlich anders gesehen. Fünfzehn Jahre nach der Wende stößt die alte PDS als "neue" Linkspartei in ungekannte Dimensionen vor. In den aktuellen Umfragen erreicht sie die Größe einer Volkspartei. Dabei schmelzen die klassischen Volksparteien immer weiter ab. Die SPD deklassiert, die Union zumindest überholt. Die kommende Kanzlerin? Im Osten scheint das derzeit kein Aufreger zu sein.

Dabei wäre in einer Region, die mit Erfolgserlebnissen nicht gerade gesegnet ist, ein wenig Begeisterung nicht überraschend. Als sich Oskar Lafontaine, Gerhard Schröder oder Edmund Stoiber um das Kanzleramt bewarben, erlebten sie in ihrer Heimat große Zustimmung. Über Merkels Kandidatur liegt dagegen ein Hauch ostdeutschen Missmuts. Gewitzte CDU-Funktionäre haben deshalb gefordert, Merkel müsse sich ein "stärkeres Ost-Profil" zulegen. Ausgerechnet sie soll also ostdeutscher werden, um in Ostdeutschland anzukommen?

Natürlich erfährt Angela Merkel in diesen Tagen auch manche Huldigung. "Eine von uns", "eine für alle", so klang es auf dem CDU-Parteitag in Güstrow, wo Merkel in diesen Tagen zur Spitzenkandidatin nominiert wurde: 136 Ja-, eine Neinstimme, 99,3 Prozent! Das ist ihr Landesverband. Hier fühlt sie sich zu Hause, wie sie sagt. Doch die Wahlbevölkerung in den neuen Ländern erwidert dieses Gefühl nicht. Dort liegt Gerhard Schröder, der den Osten einst zur "Chefsache" machen wollte, bei der Frage, wen die Wähler als Kanzler wünschen, 20 Prozentpunkte vor seiner Herausfordererin. In den alten Ländern liegen beide gleichauf.

Kann es sein, dass eine aus dem Osten, die auch im Westen Erfolg hat, riskiert, nicht mehr dazuzugehören? Immer wieder, auf allen Ebenen haben die Ostdeutschen seit 1990 Gleichberechtigung gefordert. Doch dass sich nun eine von ihnen auf spektakuläre Weise als gleichberechtigt erweist, stößt offenbar auf Skepsis. Der Osten pflegt insgeheim seine Unterlegenheit. Wer sich aus ihr verabschiedet, verabschiedet sich aus der Ost-Kollektivität. Ist es das? Gerade 34 Prozent der Wähler im Osten wünschen sich Angela Merkel als Kanzlerin.

Und der Westen? "Ich bin in der Uckermark aufgewachsen, mein Wahlkreis ist Rügen-Stralsund, und ich will deutsche Kanzlerin werden", sagt Angela Merkel. Das klingt demonstrativ selbstverständlich: Gibt es etwas Normaleres, 15 Jahre nach der Einheit? Und doch hätten Vorbehalte im Westen weniger überrascht. In ihrer west-geprägten Partei waren sie jedenfalls lange spürbar. Es hätte schon zum Problem werden können, dass die Ostkandidatin in jeder ihrer Reden dem Westen die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte unter die Nase hält: die ökonomische Misere, der Verlust der jahrzehntelangen Spitzenposition, die allgemeine Reformstarre.

Nun aber wird der Osten zum Problem. Merkels Sprung ins Kanzleramt ist kaum noch zu gefährden. Die Union wird als stärkste Partei aus den Wahlen hervorgehen, gesamtdeutsch jedenfalls. Ohne sie wird im Herbst nicht regiert werden. Und doch sind die Ost-Schwäche der CDU und der Höhenflug der Linkspartei zu wahlentscheidenden Momenten geworden. Die Linkspartei kann Merkel am Ende in eine Große Koalition zwingen. Man ahnt, wie sehr das ihre Vorstellungen von Aufbruch und Neubeginn durchkreuzen würde. Die könnten nun an der Protestbewegung im Osten scheitern.