Man erkennt sie an der Farbe. Es sind die Hellhäutigen, die Bleichen. Sie stehen am Frühstücksbuffet und bringen den Touristen den Kaffee oder backen nachts ihre Brötchen. Dabei sind auch sie ursprünglich einmal wegen der Sonne hergekommen. Geld verdienen und braun werden – sie dachten, irgendwie ginge beides. Aber wer hier runterkommt, aus Leipzig, Berlin oder dem Ruhrgebiet, nach Spanien an die Costa del Sol, der muss sich entscheiden. Arbeit oder Sonne, für beides ist der Tag zu kurz. Und immer mehr entscheiden sich für Arbeit.

Über dem Strand von Estepona, wenige Kilometer südlich von Marbella, schwebt eine träge Ruhe an diesem Freitagmittag. Der Felsen von Gibraltar flackert wie eine Fata Morgana am dunstigen Horizont. Die fünf Baukräne am Ortseingang ächzen, als seien die 38 Grad auch ihnen zu heiß. Die weißen Plastikliegen sind so ordentlich nebeneinander auf dem grauen Strand geparkt wie die Autos vor Ikea. Als ein Polizeihubschrauber vorbeifliegt, wenden die Liegenden synchron ihre Köpfe, bis er hinter den andalusischen Bergen verschwunden ist, und kehren dann in die Grundhaltung zurück. Es ist Badezeit an der Costa del Sol. Schlafenszeit für Ronnie.

Ronnie Lützelberger ist vor sieben Wochen aus Thüringen in Estepona angekommen und vor sechs Stunden von der Arbeit in seiner Wohnung. Bis vier Uhr morgens dauerte seine Schicht in der Bäckerei, bis halb fünf der Fußmarsch heim. Er ist dann gleich ins Bett gegangen. Besser, man schläft ein, solange es noch kühl ist. Der Lärm des Hubschraubers hat seine Ruhe gestört. Er steht auf, nimmt seine Brille, rasiert rund um seinen Kinn- und Oberlippenbart, greift sein Spanischbuch und sucht die Wörter für: "Ich möchte helfen." Gestern Nacht in der Backstube, als er mal nichts zu tun hatte, da hätte er gern gewusst, wie er das sagen soll. Sein Chef spricht nur Spanisch, die beiden Marokkaner kein Englisch, und der deutsche Konditor aus Halle kommt erst morgens um drei.

Ronnie ist durch die Europa-Vermittlung der Agentur für Arbeit nach Estepona gekommen. 4887 Deutsche hat sie 2003 nach Spanien vermittelt, 2004 waren es 7221, in diesem Jahr werden es voraussichtlich 10000 sein. Zwei Drittel der Vermittelten sind Arbeitslose. Der Rest sind Leute wie Ronnie, die in Deutschland Arbeit hatten, nur keinen Spaß daran. "Ich habe nur noch sauber gemacht, was die Maschinen dreckig gemacht haben. Mit Backen hatte ich nichts mehr zu tun." Und es sah nicht so aus, als ob sich das jemals ändern würde. Sein berufliches Leben schien mit 26 Jahren in einer Industriebäckerei in Thüringen zum Stillstand gekommen zu sein. Seine Ehe ging auseinander. Die Stimmung war überall schlecht.

In Estepona arbeitet er nun sechs Nächte die Woche und bekommt dafür eine Wohnung und 600 Euro netto. Das ist halb so viel wie in Deutschland. Dennoch zeigt die Stimmungskurve nach oben. Ist das nicht verrückt? – "Ich weiß", sagt Ronnie. "Aber die Spanier machen einfach bessere Laune, und ich lerne bei Pepe endlich selbstständiges Arbeiten." Acht Monate lang bezahlt die Agentur für Arbeit, als Fortbildung oder Überbrückung, je nachdem, wie man es sehen will. Danach hofft er, übernommen zu werden. "Hier in Spanien bekommen die Leute ein halbes Jahr Arbeitslosengeld und dann nix mehr. Wer danach nicht arbeitet, der verhungert. Das finde ich gut." Ronnie hat das Glück der Tüchtigen entdeckt.

Er sitzt auf einer Treppenstufe vor dem Supermarkt und beobachtet die Leute. Es ist kurz vor zehn am Abend. Motorräder knattern vorbei. Touristische Selbstversorger schleppen die letzten voll gepackten Tüten aus dem Supermarkt in ihre Ferienwohnungen. Estepona ist auf 29 Grad abgekühlt und macht sich zum Ausgehen bereit. Ronnie wird in ein paar Minuten in den verbeulten weißen Renault seines Chefs springen, der ihn und die beiden Marokkaner zur Arbeit bringt.

Ganz langsam kaufen sich die Spanier ihre Küste zurück