Und das Leben geht weiter, so heißt ein Film, den Abbas Kiarostami Anfang der neunziger Jahre im vom Erbeben verwüsteten Nordwesten Irans gedreht hat. Der Titel gilt für jede einzelne seiner Einstellungen. In Kiarostamis Filmen wird jede Bewegung von der nächsten aufgehoben, jedes Ereignis ins Verhältnis zu einem anderen gesetzt. In seinen Bildern, die manchmal nur aus Licht, Wind und Landschaft zu bestehen scheinen, ist nichts endgültig, alles bleibt in der Schwebe. Es mag diese zugleich elementare und universelle Filmsprache sein, die so unterschiedliche Regisseure wie Akira Kurosawa, Jean-Luc Godard und Quentin Tarantino an Kiarostamis Kino bewundern und bewunderten. Die Filme des iranischen Regiemeisters erzeugen einen Rhythmus, der immer wieder in die Ruhe führt, und auch wenn in ihnen allerlei Existenzielles geschieht – Verlieben, Sterben, die Vorbereitung eines Selbstmords, die Suche nach den Überleben eines Erbebens –, hat man doch am Ende immer das Gefühl, dass genauso gut nichts geschehen sein könnte.

In Kiarostamis 1998 entstandenem Film Der Wind wird uns tragen bewegt sich ein Fremder durch ein kleines iranisches Bergdorf und seine nahe Umgebung. Der Mann, ein Fernsehjournalist, wartet auf das Ableben einer alten Frau, weil er eine seltene Trauerzeremonie festhalten will. Die Sterbende bleibt den ganzen Film über unsichtbar hinter einem kleinen Fenster, doch ihr Zustand produziert immer neue Zeichen des Lebens. Kommende und gehende Verwandte, ein im Hof wachender, ebenfalls schon recht betagter Sohn, Nachbarn, die Suppe bringen.

Die kleinen Geschichten und Geschäftigkeiten um die letzten Tage eines Menschen bilden das zugleich alltägliche und sakrale Leitmotiv von Der Wind wird uns tragen. Immer wieder führt das klingelnde Handy den Fremden auf einen nahe gelegenen Hügel. Hier oben ist der Empfang besser, und hier liegt zufällig auch der Friedhof des Dorfes. Achtlos trampelt der Mann über das Terrain. Ein anderer Mann, der nicht zu sehen ist, gräbt ein Loch und singt dabei ein Liebeslied. Der Wind trägt die heitere Melodie über die Gräber, und alles verbindet sich zu einem einzigen absurden Augenblick: Vergänglichkeit und Lebenslust, längst Verstorbene und zukünftige Tote, der Verliebte im Loch und der Zyniker oben auf der Erde, das wartende Fernsehteam und die Alte, die partout nicht sterben will und auf deren Seite wir uns längst geschlagen haben.

Weshalb wird der Journalist das Dorf nach dem Tod der Frau unverrichteter Dinge wieder verlassen? Die Antwort liegt irgendwo im Fluss von Bildern, Worten, Licht und Tönen. Dass dieser Fluss bei Abbas Kiarostami bis zur letzten Sekunde aus komplementären Bewegungen besteht, daran erinnert die letzte Einstellung. Denn natürlich braucht dieser Film, in dem so lange auf den Tod gewartet wurde, eine Beerdigung. Ein menschlicher Oberschenkelknochen, den der Fremde achtlos auf dem Friedhof eingesammelt hat, schwimmt den Bach entlang. Und das ist noch einmal ein unerhörter Augenblick.