Musiker unterscheiden sich in ihrem Drang nach Wandlung. Manche reproduzieren Jahr für Jahr das gleiche Album, nur geben sie ihrem einzigen Song verschiedene Namen. Das andere Extrem bilden jene Künstler, die nie auf einer Stelle verharren können, ständig von einem Stil zum nächsten springen, als würde der Boden unter ihnen ihre Füße verbrennen.

Jamie Lidell gehört sicherlich zu Letzteren. Dem wüsten Gefrickel seines Debüts Muddling Gear folgten experimentelle Elektrosongs im Projekt Super Collider. Mit Matthew Herberts Big Band erprobte der in Berlin lebende Brite jazzigen Avantgarde-Swing. Live hat sich Lidell ein eigenes Genre erschaffen: Mittels Samplingtechnik stapelt er seine Gesangsfragmente zu einer Melange aus Funk und Techno. Mit Multiply (Warp/Rough Trade 31 P 14235) hat Lidells New Me, wie er sich in einem Song bezeichnet, nun ein genuines Soulalbum zusammengebastelt.

Die verkopften Kreationen seiner frühen Jahre sind passé; Multiply erinnert an den rauen, aber wärmenden Soul der Motown-Ära. Lidell bedient sich nach dekonstruktivistischer Manier in allen Stilistik-Schubladen des Genres: Donnernder Funk, schmachtende Balladen und ein Hauch von Doo-Wop verschmelzen zu einem in sich stimmigen und doch heterogenen Soulkomplex. Dezent im Hintergrund versteckt, finden sich moderne Spielereien wie verhallte Vocals und schnalzende Bassdrums. Stimmlich variiert Lidell je nach Song zwischen seinen großen Vorbildern, die er eines nach dem anderen herbeizitiert. Von Al Green und Otis Redding über Sly Stone bis hin zu Stevie Wonder und Prince – ohne Fehltritt bewegt er sich durch die Ahnengalerie des Soul.

Doch seine Lieder gehen über cut and paste -Verfahren, über das reine Zitieren von bereits Dagewesenem, hinaus. Die Schönheit von Multiply ergibt sich nicht aus einer spielerischen Baukastenmentalität, sondern aus Lidells Leidenschaft für den Soul. The music is in me , lautet seine simple, aber glaubwürdige Leitformel: Das Ergebnis soll mehr sein als die Summe seiner Teile. Und es ist mehr. Mit dem Entwurf einer neuen Subjektivität verschafft Lidell dem alten Soul einen neuen Ausblick. Schade nur, dass sich der Boden unter seinen Füßen längst wieder aufheizt.